31.12.2010

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bergung


es schneit vor dem fenster,
wo meine blauen gefässe stehn;
sie fassen, was nirgends
platz hat.

jahrzeitstille –
erst an der erde
betten die flocken
sich ineinander.


erika burkart
[aus: die zärtlichkeit der schatten, gedichte – ammann]
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30.12.2010

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"hope" is the thing with feathers –
that perches in the soul –
and sings the tune without the words –
and never stops – at all –

and sweetest – in the gale – is heard –
and sore must be the storm –
that could abash the little bird
that keeps so many warm

i've heard it in the chillest land –
and on the strangest sea –
yet, never, in extremity,
it asked a crumb – of me.


emily dickinson
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29.12.2010

28.12.2010

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bashō ll


wir kennen die poetische poesie, die gemeinen gefahren
von mondsucht und singstimme. bloss balsamierte luft,
es sei denn, man macht daraus steine, die glänzen und schmerzen.
du, alter meister, hast die steine geschliffen,
mit denen man lerchen zerschmettert.
du schnittst aus der welt ein bild, das deinen namen trägt.
siebzehn steine wie pfeile, ein schwarm stummer sänger.
schau, dort am wasser, die fussspur des dichters
auf dem weg zum inneren schneeland.
schau, wie das wasser sie löscht,
wie der mann mit dem hut sie neu aufschreibt
und wasser und fussstapfen aufhebt, verklungene regungen einfriert,
so dass, was verschwand, noch da ist als das, was verschwand.


cees nooteboom
gefunden bei lyrikline
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27.12.2010

26.12.2010

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wovon der bleistift


angespitzt
träumt

fragt
im stillen

ein leeres
und weiss/es

manchmal schon
bei der ersten berührung


marc hermann
[aus: vom verschwinden bleibt, gedichte - isele]

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25.12.2010

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wie schön!


als ich heute aufstehen wollte, sass ein erzengel neben mir auf dem hotelbett
& rief in die muschel: "trois beurres, trois confitures!"

wie schön doch manchmal ein tag beginnt.


werner bucher
[aus: weitere stürme sind angesagt - appenzeller verlag]
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24.12.2010

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wenn um mitternacht


wenn um mitternacht
die letzten gäste kommen und gehn
wenn die gedichte den besitzer wechseln
wenn der regen illuminiert
wenn der zeiger mitternacht verlässt
und wir, allein gelassen, nicht wissen wohin.

kein wolf, kein reh
still ruht der schnee
kein du kein ich
du hörst mich nicht
der himmel aber
bittet um eine geschichte auf erden
uns soll sie werden.

komm im flutlicht der sterne
damit wir uns nicht verfehlen
und mach uns satt
mit bildern die warten
der mond steht nicht im wege
und ein engel treibt zur eile.


elisabeth borchers
[aus: eine geschichte auf erden, gedichte - suhrkamp]

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23.12.2010

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das stumme
übersetzt in die schneeesprache,
übersetzt in die windsprache.

wer versteht die spuren zu lesen
am frühen morgen?


max bolliger
[aus: schweigen, vermehrt um den schnee]
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22.12.2010

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foto: marianne rieter

 


mein herz


mein herz ist das lächelnde kleid eines nie erratenen gedankens
mein herz ist die stumme frage eines bogens aus elfenbein
mein herz ist der frische schnee auf der spur junger vögel
mein herz ist die abendstille geste einer atmenden hand


h.c. artmann
[aus: achtundachtzig ausgewählte gedichte]



21.12.2010

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poetry has nothing to do with poetry. poetry is how the air goes green before thunder. is the sound you make when you come, and why you live and how you bleed, and the sound you make or don't make when you die.

gwendolyn macewen
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20.12.2010

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zuständig für liegengebli
ebenes nochmals geboren w
erden und nichts leichter
nehmen zusammengefasst di
e regenstreifen am fenste
rglas breitet sich ein ta
g aus ohne zu fälschen di
e zeit der ungeschlafenen
nacht isoliere ich die st
unden mit meiner stirn an
die scheiben schichtweise
schüchterne gedanken weit
erdenkend stelle ich mich
sachte hinter den vorhang
zwischen sonntage und vor
gestern fällt die wahl mi
t dem regen  wird das red
en zu gold im wind sprich
dies nur leisestens an un
d sieh den fliegenden fis
chen nicht nach es sagt s
ich so leicht abhanden zu
gehen ich schwimme in die
bäume zum höchstpreis ver
kaufe ich heisse steine a
n die regen von morgen sa
ttzutrinken schüttle mich
fensterflügel hingerissen
vom regenmensch im wasser
spiegel wie komme ich nun
über das tote meer hinweg



mara kempter
[aus: hin und zurück, lyrische texte – isele]
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19.12.2010

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enzyklopädie der kleinen dinge textzeilen und klagelied. -einen garten anlegen,- an dem die schiffe landen, eine parkanlage für unbenannte, unbestimmte pflanzen. was würde geschehen, wenn ich dir mein staunen schenken würde, das staunen über die dinge der welt, über alles, was wächst, über alles, was man findet; käfer, gräser, wolken, bäume und ozeane, die luft und ihre vögel, das wasser und seine spiegelung, die zeit und ihre gegenwart, das hören im sehen und die schritte die man geht? wir würden schweigen und einen berg hinaufsteigen, auf seinem rücken dem himmel entgegenbalancieren und denken, der berg sei ein wal und die vögel fische und der regen ein gesang.


marianne büttiker
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18.12.2010

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it takes a lot of time to be a genius,
you have to sit around so much doing nothing, really doing nothing.

gertrude stein
in: everybody's autobiography
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17.12.2010

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dumdidum.


die fallen sind gewürfelt
gedanken sind menschlich
und irren ist frei
alles wird gut
nur mut!


marianne rieter
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15.12.2010

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einheiten


helle räume
brauchte sie

und anlauf
bis zum kopf

in dem er sass
gedanken schlagend

und nur an der wand
zu sehen war

der preis
einer erinnerung

bei jeder lüge
wuchs ihr haar;

bald würde sie
verschwinden.


sabine imhof
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14.12.2010

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an manchen tagen fressen die kleinen die grossen fragen auf. an anderen tagen verschlingen die grossen fragen die kleinen. doch hinterher stellt sich nicht selten heraus, dass die kleinen grosse, die grossen kleine fragen waren.

kurt marti
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13.12.2010

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foto: marianne rieter





schnipsel #146
 

von schönen aussichten und allergischen reaktionen resp. antifaltencrèmetage oder sucht- und andere potentiale :::: aha-erlebnisse der grossen art oder das bild vom roten kleid im weissen schnee :::: harmonische übungen, blaue fenster und ein taxi mit fuchsschwanz :::: die bestätigung von raum und zeit undsoweiter :::: die erstaunliche eigendynamik von verwicklungen and then i go and spoil it all bzw. lola und die detektive :::: freie parkplätze, ein mann, ein hut und die unmöglichkeit eines hellblauen pullovers mit v-auschnitt :::: über den missglückten versuch mit drei bilderrahmen resp. eine verkäuferin und kein logisches denken bzw. ich bin doch nicht zu blöd *-) :::: geplante verspätungen vs verspätete planungen und alles wird gut :::: zweifarbige krähen, grossräumige absperrungen und bewaffnete männer bzw. zwei latte caramel, die häuser im wasser und weitere bilder :::: sai ram ::::
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12.12.2010

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die menschheit ist eine halbverrücktheit,
die von vollständig verrückten gelebt wird.


fernando pessoa

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11.12.2010

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käme doch einer und fragte...

nach dem was und dem wie
und muss-es-so-sein?

käme doch einer
bestünde auf antwort

gäbe acht
auf das was und das wie

wär ich doch einer der täte
was sein muss


ilana shmueli
[aus: zwischen dem jetzt und dem jetzt – rimbaud, gefunden bei lyrikline]

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10.12.2010

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alles in allem


ein windiges spiel
woran ich festhalte
hält mich nicht

bilder
die ich sehe nicht sehe
die mich nicht sehen
durch die ich hindurchgehe

licht
das ich sehe nicht sehe
das mich sieht nicht sieht
durch das ich hindurchgehe

täuscht
helle flächen tragen
weiter als dunkle

schnee trägt
und den weissen
wüstensand
sah ich schon einmal
von oben


doris runge
[aus: trittfeste schatten, gedichte – dva]

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09.12.2010

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animation: monika umba



there's a bluebird in my heart that
wants to get out
but i'm too clever, i only let him out
at night sometimes
when everybody's asleep.
i say, i know that you're there,
so don't be
sad.
then i put him back,
but he's singing a little
in there, i haven't quite let him
die
and we sleep together like
that
with our
secret pact
and it's nice enough to
make a man
weep, but i don't
weep, do
you?


charles bukowski
[auszug aus: bluebird]

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08.12.2010

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mittlere jahre


schon beim frühstück der blick aus dem fenster: zu spät
der morgenstern wieder einmal erloschen
überhaupt das da oben verwirrend

die kinder am tisch ihr plappern und lachen
kaum sind sie weg fällt alles
in seltsamste stille

jetzt ins offene gehn – hinaus und hinweg!
doch vom wünschen bleibt nichts übrig als wünsche
nie einsamer als in diesen stunden

vorm fenster schwankt eine magnolie im wind
das telefon klingelt dann steht es stumm
und die entfernungen wachsen


jörg bernig
[aus: kein thema – anthologie, gedichte – verlag im proberaum 3]

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06.12.2010

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vor augen


jenes spaltbuch voll
imponderabilien
das als palimpsest
diesen unlesbaren text berührt

diese überblendung einer traumsequenz
überschreitung und freisetzung
eines unkodierbaren
rests der nicht aufgeht

im flimmerbildschirmbild oder auf fixpapier
immer entzieht sich
die möglichkeit des verstehens

dir aufgehobenem in deinem verlorenen sommer
verschweigst du für immer
wer du bist


marc hermann
[aus: vom verschwinden bleibt, gedichte – edition isele]



05.12.2010

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das geschriebene kommt wie der wind, es ist nackt, es ist tinte, es ist das geschriebene, und es geht vorüber, wie nichts anderes im leben vorübergeht, nichts weiter, ausser das leben.


marguerite duras
gefunden in durchlesers blog

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04.12.2010

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schweigen,
vermehrt um den schnee,
um den regen,
um die nacht,
um viele tage und wieder nächte.
schweigen,
vermehrt um die nie gesagten worte.


max bolliger
[aus: schweigen, vermehrt um den schnee]
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03.12.2010

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möwen


schaumkronen des windes, geflügelt
ihr hierhier in der mündung nordost

antwort auf die wiederholte
frage des meers: wo ist der strand?

letzter zuruf für taucher und träumer
zwischen boje und windpark gespannter

anker für boote und wolken
die schweben von blau zu blau

magie für bäume im hinterland
die blind vom wasser träumen

gepielt auf dem gras, auf dem dünenkamm
heute die antwort für die, die das meer suchen


birgit kreipe
[aus: die schönheit ein deutliches rauschen, ostseegedichteedition wörtersee, connewitzer verlagsbuchhandlung peter hinke]
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02.12.2010

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eine rose. eine stütze. ein wort.


wer ist schon da um objekt zu sein
wie diese kompakte kleine frau effekt
voll modelliert vom mund bis zu den
wörtern und hat nicht jedes fliegende
kleid seinen helden mit unauffindbarem
grab aber das ist, verzeihung, taktlos!
wie die geschichte von den augen den
verweinten einer schmalen dichterin
und gibt nicht jeder sich selbst und
der welt ein nachbearbeitetes bild
lässt beseitigen oder setzt seine besten
wünsche in die luft wie die flügel dieser
wurmstichigen taube ihr lächeln über
weichgezeichneten büchern buchstaben
an denen die blicke sich halten die
erinnerung ins rechte licht gerückt
das leben gefiltert entstört verwischt.


marianne rieter
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27.11.2010

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kurze pause.

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komm näher


komm näher
mein freund
noch näher
sonst
muss ich erfrieren

nicht so nah
du freund du
nicht so nah
atmen
muss jeder für sich


anne steinwart

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26.11.2010

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dass noch niemand die wahren worte gehört, hat, die worte, wegen deren überhaupt gehört wird, dass alle hören und hören und auf diese eigentlichen worte warten. bis einer sie einmal gehört hat, werden seine ohren sich in flügel verwandeln, und die der anderen ihm nach.



elias canetti
[aus: die provinz des menschen, aufzeichnungen 1942-1972]


25.11.2010

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ich bin kein intellektueller hochstrahlbrunnen
mit wortgeglitzer in lauten farben
metaphernglamour und geistesblitzen im
brunnengrund

ich bin ein langsam dahinfliessender strom
der sich abmüht durch die endlose ebene
zu reisen mit einer unzahl von kieselsteinen
kleine und grössere wirbel erzeugend
über die es sich immer und immer grübeln lässt
des grübelns ist kein ende

der strom muss fliessen und grübeln
so ist sein ewiger lauf ohne lärm und spektakel
er fliesst und fliesst und fliesst



traute foresti
[aus: es brennt der mohn - bibliothek der provinz]

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24.11.2010

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die gleichgültigkeit der wolken
bringt uns unseren einsamkeiten zurück;
und urplötzlich sind wir ohne alter,
wir gewinnen an höhe.


michel houellebecq
[aus: suche nach glück, gedichte – dumont]

23.11.2010

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vom verschwinden bleibt


vom verschwinden bleibt fast nichts

nur die frage warum
und dass man es aufschreibt
den stift dabei in der hand
wie einen stock mit dessen spitze
man einen toten vogel berührt –
nicht ohne scheu

als schrecke das tier
im nächsten moment
auf und davon
träumt man noch jahre
später


marc hermann
[aus: vom verschwinden bleibt – erscheint mitte dezember bei edition-isele]

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22.11.2010

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frage und antwort


was kann man
gegen die trauer tun?

eigentlich nichts

ausser trauern.


franz hohler
[aus: vom richtigen gebrauch der zeit]

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20.11.2010

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you cannot think about thinking,
without thinking about thinking
about something.



seymour papert

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19.11.2010

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seine ganze zärtliche liebe zum leben durchzitterte ihn in diesem augenblick und die tiefe sehnsucht nach seinem verlorenen glück. aber dann blickte er um sich in die schweigende, unendlich gleichgültige ruhe der natur, sah, wie der fluss in der sonne seines weges zog, wie das gras sich zitternd bewegte und die blumen dastanden, wo sie erblüht waren, um dann zu verwelken und zu verwehen, sah, wie alles, alles mit dieser stummen ergebenheit dem dasein sich beugte, - und es überkam ihn auf einmal die empfindung von freundschaft und einverständnis mit der notwendigkeit, die eine art von überlegenheit über alles schicksal zu geben vermag.


thomas mann
[aus: der kleine herr friedemann - fischer]
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18.11.2010

17.11.2010

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schwer zu akzeptieren
dass nichts in mir
dem sommerregen gleicht
jener kühlen
erfrischenden stimme
die mir geduldig
wieder und wieder
das einfache erklärt


werner lutz
[aus: schattenhangschreiten – waldgut]
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16.11.2010

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ein paarmal sagst du wird es noch so sein -
ein herbst der alles von sich streift als wärs
genug - ein wechselspiel - das nun mit uns
es bunter treibt - wie laub uns fallen lässt
als wär genüge schon getan - und ausgelebt
was sich noch farbig in den adern staut


helwig brunner
[aus: grazer partituren]

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15.11.2010

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blues.


jeder ton beschwört ein altes ich
man fragt den fisch ohne ziel den
blütenkranz das fremd toupierte
haar zu spät finden sich die väter
wie im film ein blick zurück aufs
wasser und sinkt ins herz ins offene
messer es bleibt ein leeres haus
nichts das den herbst zu lindern
vermöchte im hintergrund die alpen
der see die traurigkeit der bäume


marianne rieter
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14.11.2010

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foto: marianne rieter

 

leiser wird die hand, der mund,
stiller die gebärde.
heimlich, wie auf meeresgrund,
träumen mensch und erde.


christian morgenstern
[in: novembertag]
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13.11.2010

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wahrnehmung als ereignis - das ist es, was im bewusstsein des autors vorausgegangen sein muss, damit das gedicht entstehen kann. und es bezeichnet zugleich, was das gedicht dem leser im spracherlebnis zu bieten hat. wahrnehmung als ereignis. unsere lieblingsgedichte sind wahrscheinlich jene, bei denen wir am deutlichsten fühlen, dass sie uns sehend machen.

rainer malkowski
[in: dreizehn arten das gedicht zu betrachten, dankesrede zum breitbach-preis 1999]


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12.11.2010

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foto: marianne rieter




dove sta amore

dove sta amore
where lies love
dove sta amore
here lies love
the ring dove love
in lyrical delight
hear love's hillsong
love's true willsong
love's low plainsong
too sweet painsong
in passages of night
dove sta amore
here lies love
the ring dove love
dove sta amore
here lies love


lawrence ferlinghetti
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11.11.2010

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älter werden


die sehnsucht
nach gerechtigkeit
nimmt nicht ab
aber die hoffnung

die sehnsucht
nach frieden
nicht
aber die hoffnung

die sehnsucht nach sonne
nicht
täglich kann das licht kommen
durchkommen

das licht ist immer da
eine flugzeugfahrt reicht
zur gewissheit

aber die liebe

der tode und auferstehungen fähig
wie wir selbst
und wie wir
der schonung bedürftig


hilde domin
[aus: gesammelte gedichte – fischer]

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10.11.2010

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for the one and only gertrude stein

eine rose ist eine rose ist eine rose
aber eine frau?

ein riese ist ein riese ist ein riese
aber eine frau?

ein stein ist ein stein ist ein stein
aber eine frau?

eine frau ist eine frau ist eine frau
aber eine rose?

ernst jandl
[aus: einer raus einer rein – wagenbach]

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09.11.2010

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grabspruch auf dem campo dos poetas


ich hab kein leben
aber ein werk.
ob das was taugt?
hätt das leben was getaugt?


hugo loetscher
[aus: war meine zeit meine zeit – diogenes]

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08.11.2010

07.11.2010

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verstecke
es haar
vo dir
als bewys
geschter isch hüt
hüt isch geschter
und du bisch bi myr


elvira marazzi
[aus: züritüütschi liebesgedicht - edition kürz]

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06.11.2010

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sei poet


sei poet
benütz die sprache als ein federbrett,
spring einen salto in die alphabete,
zieh jeden satz wie eine flagge hoch.

sei poet,
nicht schaf im wolfspelz für ein schattenspiel,
nicht winterkleid für all die dünnen phrasen,
die jedermann zu jedermann an jedem tag erzählt,
dann kannst du gärtner der träume sein,
hurra!
und kannst kalif von bagdad sein,
hurra!
mehr will ich nicht von dir,
mehr will ich nicht von dir,

sei poet,
den innern erdteil sollst du projizieren
mit magischen laternen und mit spiegeln,
die man für zwei kometen überall erhält.

andré heller

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05.11.2010

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dankeschön!!!

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indian summer


in youth, it was a way i had
to do my best to please,
and change, with every passing lad,
to suit his theories.

but now i know the things i know,
and do the things i do;
and if you do not like me so,
to hell, my love, with you!


dorothy parker

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04.11.2010

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die träume machen den freien auf die fraglichkeiten, grenzen und vorbehältlich- keiten der freiheit, insbesondere darauf aufmerksam, dass sie ein schöner wahn sei, der denkbar zarte behandlung erfordert. vielleicht wissen sehr viele mit der freiheit deshalb nicht richtig umzugehen, weil sie ihre leichtverletzlichkeit in betracht zu ziehen sich nicht angewöhnen wollen. … schnell zerflattert ein wahn; leicht bringen wir es fertig, dass uns die illusion gleichsam hasst, weil wir ihr wesen nicht fassen. … die freiheit … will gesehen sein und will wieder sein, als sei sie gar nicht da; sie ist zugleich wirklich und unwirklich.


robert walser

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03.11.2010

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vielleicht ist liebe die fähigkeit, jemandem sich selbst zurückzugeben.


hans bemmann
 
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01.11.2010

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was ich dir gesagt habe gilt für die wolken
was ich dir gesagt habe gilt für den meeresbaum
für jede welle für die vögel im blattwerk
für die kiesel des geräusches
für die vertrauten hände
für das auge das antlitz wird oder landschaft
und der schlag gibt ihm den himmel seiner farbe wieder
für die ganze vertrunkene nacht
für das gitter der strassen
für das offene fenster für eine entdeckte stirn
was ich dir gesagt habe gilt für deine gedanken für deine worte:
jede liebkosung jedes vertrauen hat seine dauer und überdauert sie.

paul eluard

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31.10.2010

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erkenne das grosse im kleinen, das viele im einen
und das ganze im einzelnen.

lao-tse

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30.10.2010

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wo ich wohne


als ich das fenster öffnete,
schwammen fische ins zimmer,
heringe. es schien
eben ein schwarm vorüberzuziehen.
auch zwischen den birnbäumen spielten sie.
die meisten aber
hielten sich noch im wald,
über den schonungen und den kiesgruben.

sie sind lästig. lästiger aber sind noch die matrosen
(auch höhere ränge, steuerleute, kapitäne),
die vielfach ans offene fenster kommen
und um feuer bitten für ihren schlechten tabak.

ich will ausziehen.


günter eich

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29.10.2010

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tritte des herbstes


du lieber herbst
das laub
noch heiss vom sommer
und leuchtet feurig
dann im wind
die feinen
knöchernen tritte
zweigauf
zweigab.

marie luise kaschnitz
[gefunden bei gabi anna c/o fotocommunity - hier klicken führt zum bild dazu]

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28.10.2010

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gedicht für den anfang


1
gedichte sollen geschrieben werden
für euch
eigens für euch
weil ihr so jung seid
und wichtig.
schon wieder eine neue generation.

gedichte für den aufbruch und ausbruch
weil ihr noch jung seid.
noch seid ihr sehr jung.

gedichte
die zeigen, worauf es ankommt.
gemeint ist das leben
mit frage und antwort darauf.

aber das weiss ich nicht,
weiss es nicht mehr.
und alles ist anders.
seht euch doch um.
und vergleicht es mit mir.
doch wozu.


2
drei dinge noch seien gesagt:
zum ersten gibt's schon gedichte
die müsst ihr euch finden zum zweiten
zum dritten schreibt sie euch selbst.
wenn es hart auf hart kommt.
so kommt's.
und ihr mal allein seid.
das kommt.

und dann kommt rüber
es dauert nicht lang.
das wird eine freude.


elisabeth borchers
[aus: was ist die antwort - suhrkamp]


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26.10.2010

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nicht einwilligen.
damit uns eine hoffnung bleibt.

mit den dämonen
rechnen.

die ausdauer bitten,
sie möge mit uns leben.

die zuverlässigkeit der unruhe
nicht vergessen.


walter h. fritz

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24.10.2010

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es gibt hier leute, die sich beklagen, sie imponierten mir nicht, aber du liebe zeit,
man kann sich unmöglich in einem fort beimponieren lassen, das würde ja eintönig werden.

robert walser
[aus: robert walser für müssiggänger - insel taschenbuch]

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23.10.2010

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peripher.

den katzen wächst der winterpelz die
fingernägel brechen hinter meinem
rücken lächerliche kleine fische aus
silberdraht und stein ich versammle
mich in ungereimtheiten stelle ich fest
und vermisse die logik im ganzen so
seicht das alles so zahm & lau statt
ungebremst zu eskalieren auch ein
neuer farbton ändert nichts faktisch
ist es herbst in dieser geschichte


marianne rieter

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22.10.2010

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lass die moleküle rasen,
was sie auch zusammenknobeln!
lass das tüfteln, lass das hobeln,
heilig halte die ekstasen!


christian morgenstern
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21.10.2010

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ein blatt



fiel mir ein
herbstgoldenes blatt zu
ich fühlte mich beschenkt

so aber reisst
nur der wind an mir
und treibt mich nicht zu einem ziel

fiel mir deine seele ins herz
wüsste ich wo
ich bin

gabriele nutz
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20.10.2010

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                                                                           zum vergrössern in den rahmen klicken.

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19.10.2010

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when you look at this sheet of paper, you think it belongs to the realm of being. there was a time that it came into existence, a moment in the factory it became a sheet of paper. but before the sheet of paper was born, was it nothing? before it was recognizable as a sheet of paper, it must have been something else — a tree, a branch, sunshine, clouds, the earth. in its former life, the sheet of paper was all these things.


thích nhất hạnh
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18.10.2010

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nächsten sommer

der nächste sommer wird bestimmt besser.
warum, weiss ich nicht.
im frühling werde ich mich verlieben
wenn es gar nicht anders geht in mich
und im august wird es regnen
das war schon immer so.
im nächsten sommer werde ich
geld haben zum reisen
ein haus bauen, verrückt werden
erfolgreich. es wird alles so gut werden
dass ich sprechen und schreiben aufgeben kann
im nächsten sommer, wenn er da ist
werde ich meine bücher verbrennen
und in die asche schreiben
werde die mülltonne füllen mit musik
die man am anfang der sterne hört
mit kochtöpfen und flaschen voller staub.
dann wird es den ganzen august regnen
aber der liebe wird das egal sein
ich weiss nicht, warum. ich
werde keine heimat mehr haben
frei sein von mir
und anders träumen
nicht nur im schlaf
nächsten sommer
wenn alles besser wird.
früh im jahr wird es zu schneien beginnen
aber in der umarmung der nacht
spürt man nichts davon
die einsamkeit ist ein bettler
singt vor der haut, hat keine tränen
ich weiss das am besten.
dann aber, dann
ist alles gut.

ludwig fels
[aus: egal wo das ende der welt liegt - jung und jung – gefunden im poetenladen]


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17.10.2010

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ich möchte meine haut tauschen. sie ist immer zu dick oder zu dünn.
ich hätte lieber ein robustes, wasserabstossendes, antistatisches fell.

silvio blatter
[aus der collection müllerhaus 2006]



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16.10.2010

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nur eine rose als stütze


ich richte mir ein zimmer ein in der luft
unter den akrobaten und vögeln:
mein bett auf dem trapez des gefühls
wie ein nest im wind
auf der äussersten spitze des zweigs.

ich kaufe mir eine decke aus der zartesten wolle
der sanftgescheitelten schafe die
im mondlicht
wie schimmernde wolken
über die feste erde ziehn.

ich schliesse die augen und hülle mich ein
in das vlies der verlässlichen tiere.
ich will den sand unter den kleinen hufen spüren
und das klicken des riegels hören,
der die stalltür am abend schliesst.

aber ich liege in vogelfedern, hoch ins leere gewiegt.
mir schwindelt. ich schlafe nicht ein.
meine hand
greift nach einem halt und findet
nur eine rose als stütze.


hilde domin

15.10.2010

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schreib dich nicht
zwischen die welten,

komm auf gegen
der bedeutungen vielfalt,

vertrau der tränenspur
und lerne leben.

paul celan
[aus: die gedichte, kommentierte gesamtausgabe - suhrkamp]



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14.10.2010

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lebensluegen

lebensluegen
die segel ueber
dem see
die verschluckten momente

ich nahm
meine und deine
schrift
unter die lupe
dazwischen undurchsehbare
waelder

die lebensluegen
als wuensche
an mich
an verhangenen ufern
die ueberhaengenden
traeume

die wirklichkeit
ohne standort
ein schwebendes
verfahren

ines oppitz
[gefunden bei fixpoetry]


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13.10.2010

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wie immer.


es blättert von den grossen worten ab
u auch von jenen, die dein ich dir gab.

hellblaue blumen müssten es sein

gottfried benn



im norden fliegen die wildgänse, lese ich.
beiläufig ein paar weitere mitteilungen,
mit herz und ohne. damit man weiss, wo
man steht, oder glaubt, was man liest.
die graue katze ist krank. die geburtstage
häufen sich. affären laufen aus. man will
im moment keine innere aufregung, lässt
das leben auf sich warten. und den tod.
was gesagt werden müsste, verschwimmt.
im nebel zwischen haus und himmel fällt
eine birke. später sind die tage sonnig
bis instabil, wie immer im herbst.

marianne rieter


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12.10.2010



spektakel


die elstern auf dem steilen dach
unverständlich was sie bezwecken
mühn sich für nichts und wieder nichts
langschwänzige schlurfende schreitende
dauernd verwandelte tragische komische vögel
die sich am ende verbeugen die krähen
sind blass vor so viel gerissenheit kunst.


sarah kirsch
[aus: erdreich, gedichte – dva]

11.10.2010



wenn ein mensch nicht im selben takt geht wie alle anderen,
beruht das vielleicht darauf, dass er einen anderen trommler hört.
lass ihn wandern im takt der musik, die er hört.

henry david thoreau

09.10.2010



jedes wort, das er verzeichnet, gibt ihm kraft. es kann sein, was es will,
es kann gar nichts sein, bloss dass er es verzeichnet, gibt ihm kraft.

elias canetti
[aus: alles vergeudete verehrung, aufzeichnungen 1949-1960 – hanser]

08.10.2010



auf papier funken schlagen,
ohne dass es brennt.

jeden tag eine seite,
auf der immer weniger
steht: aber unverrückbar.

mit den wörtern schlafen gehen,
mit einem wort erwachen.

peter engel

07.10.2010



ich ziehe deshalb den herbst dem frühjahr vor, weil das auge
im herbst den himmel, im frühjahr aber die erde sucht.


søren aabye kierkegaard

06.10.2010



R.I.P. steve lee



 

  












schnipsel #145


klares wunderwasser auf französisch und zwei tröpfli aquamarin ::: die angenehme anwesenheit einer lady aus dem norden resp. plietsch, der lütte und die tollste tolle überhaupt oder immell gelladeaus, jaja! :::: ein kombi mit isofix, kleine betten und weitere grossartige erwartungen :::: über die bürgerliche verbesserung der weiber oder entengeschnatter und wichtigtuereien :::: hühnerhaut mit schild- krötenaugen bzw. schwarz und weiss mit nichts dazwischen resp. ein roter elefant auf faltigem grund (oder umgekehrt?) :::: über davonschwimmende taschentücher, einen altweibersommer und diverse unspezifisch provozierende faktoren oder parlez-moi d’amour! :::: vom stillen klapperstorch und anderen rezensenten :::: die ältere ist griffiger! :::: obiges und untiges oder ojemine, die hautevolée

05.10.2010



neue flügel

wieder geht ein sommer,
beugen sich rosen
unter später blüte,
steigen drachen am berg.
wahrscheinlich schnürt auch
daedalus in diesen tagen
neue flügel, um zu verbrennen
in der sonne, nicht im schnee.
wie mein verrücktes
herz mit dem moospelz
sich aufmacht, an knospen
zu glauben und früchte,
als wanderte die zeit
nicht weiter und würde grau.


bess dreyer
[aus: parallele orte – auslesen-verlag]

04.10.2010



meine poesie.
deine oesiep.
seine esiepo.
unsere siepoe.
eure iepoes.
ihre epoesi.

meine lyrik.
deine yrikl.
seine rikly.
unsere iklyr.
eure klyri.
ihre lyrki.

meine güte!


brigitte fuchs

03.10.2010



fröhlich geworden
sehe ich ein freies feld vor mir
wiesenschaumkraut schäumt
menschenähnliches spaziert

werner lutz
[aus: die mauern sind unterwegs – ammann]

02.10.2010



ruhe


die traube ist reif, das feld gepflügt.
von den wolken löst sich der berg.

auf die staubigen sommerspiegel
ist der schatten gefallen,

zwischen den unsichtbaren fingern
ist ihr licht klar
und fern.

mit den schwalben zieht
die letzte mühe.


giuseppe ungaretti
[übersetzt von ingeborg bachmann]

fazil say.





01.10.2010



der herbst


im herbst bei kaltem wetter
fallen vom baum die blätter –
donnerwetter,
im frühjahr dann,
sind sie wieder dran –
sieh mal an.


heinz erhardt

30.09.2010



der glanzfisch bleibt
erzählt und berührt
ungeachtet der brechungen der zeit
und der lärmungen des raums
er will seine bilder zu ende denken
lässt keinen zirkelschluss zu
und wartet auf die versteppung der städte

said
[gefunden bei lyrikline]

29.09.2010



das schöne trat mir so still entgegen. auffälligkeiten und unauffälligkeiten gaben sich die hand und waren wie verschwistert. das bedeutende zerrann, und ich widmete den unbedeutenden dingen eine genaue achtsamkeit und war sehr glücklich dabei. so vergingen die tage, wochen, monate…


robert walser
[aus: das frühjahr, 1915]

28.09.2010



laub, im auge gespiegelt, der gebrochene nacken
beschreibt, wie das ist, vogel zu sein und gegen ein
laub zu fliegen, gespiegelt im blanken himmel:
eine wirre erinnerung an die freude, auf seine
begegnung mit jemandem zuzustürzen, der einem so gleicht


tua forsström
[aus dem schwedischen von eva cader-benedix]

27.09.2010



eine hand


klein, leicht,
an einen vogel erinnernd,
der plötzlich auffliegt,
sich anderswo
niederlässt -
ohne empfinden für das bedauern,
mit dem man ihm nachblickt,
unbekümmert um unsere hoffnung
auf eine erneute
annäherung,
die nichts besagen würde,
natürlich nicht,
die ganz und gar nichts
besagt.


rainer malkowski
[aus: hunger und durst]

26.09.2010


inner voyage


geräusche nehmen
ab
                     je weiter wir
auf dem weg
         vorankommen bilder
loslassen
         städtenamen
vergessen

dem
immer
      blasser
           werdenden saum
      der dinge
  entlang
windungen
            nach innen
     ins weisse

eveline hasler
[aus: auf wörtern reisen - pendo]

25.09.2010



zwei verlassene stühle im park
bei einbruch des herbstes



als alle im haus waren
fielen meuchlings die blätter
zerzauste der wind das gestühl
den pelz des nahenden wolfs
und sammelte unsre bedenken.


elisabeth borchers
[aus: alles redet, schweigt und ruft - suhrkamp]

24.09.2010



augenschein

alles ist augenschein.

die bäume haben
einen grünen atem.

aus einem schritt
wird ein luftsprung.
die erde ist nicht mehr
fest unter den sohlen.

der kleine himmel
eines blauen wassers.

die fröhlichkeit ist
ein junges tier.
ohne flügel nimmt sie
ihren weg nach oben.


karl krolow
[aus: gesammelte gedichte 2 - suhrkamp]

23.09.2010



schliesslich erlösen
wir uns mit der üblichen
zeitung, starkem kaffee
und einem schnellen adieu
von dem übel, für heute
gerettet zu sein.


hans-ulrich treichel
[in: morgenliebe, aus: seit tagen kein wunder - suhrkamp]

1.



herzlich willkommen!

und weiterhin viel freude beim lesen.