31.12.2010

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bergung


es schneit vor dem fenster,
wo meine blauen gefässe stehn;
sie fassen, was nirgends
platz hat.

jahrzeitstille –
erst an der erde
betten die flocken
sich ineinander.


erika burkart
[aus: die zärtlichkeit der schatten, gedichte – ammann]
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30.12.2010

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"hope" is the thing with feathers –
that perches in the soul –
and sings the tune without the words –
and never stops – at all –

and sweetest – in the gale – is heard –
and sore must be the storm –
that could abash the little bird
that keeps so many warm

i've heard it in the chillest land –
and on the strangest sea –
yet, never, in extremity,
it asked a crumb – of me.


emily dickinson
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29.12.2010

28.12.2010

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bashō ll


wir kennen die poetische poesie, die gemeinen gefahren
von mondsucht und singstimme. bloss balsamierte luft,
es sei denn, man macht daraus steine, die glänzen und schmerzen.
du, alter meister, hast die steine geschliffen,
mit denen man lerchen zerschmettert.
du schnittst aus der welt ein bild, das deinen namen trägt.
siebzehn steine wie pfeile, ein schwarm stummer sänger.
schau, dort am wasser, die fussspur des dichters
auf dem weg zum inneren schneeland.
schau, wie das wasser sie löscht,
wie der mann mit dem hut sie neu aufschreibt
und wasser und fussstapfen aufhebt, verklungene regungen einfriert,
so dass, was verschwand, noch da ist als das, was verschwand.


cees nooteboom
gefunden bei lyrikline
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27.12.2010

26.12.2010

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wovon der bleistift


angespitzt
träumt

fragt
im stillen

ein leeres
und weiss/es

manchmal schon
bei der ersten berührung


marc hermann
[aus: vom verschwinden bleibt, gedichte - isele]

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25.12.2010

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wie schön!


als ich heute aufstehen wollte, sass ein erzengel neben mir auf dem hotelbett
& rief in die muschel: "trois beurres, trois confitures!"

wie schön doch manchmal ein tag beginnt.


werner bucher
[aus: weitere stürme sind angesagt - appenzeller verlag]
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24.12.2010

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wenn um mitternacht


wenn um mitternacht
die letzten gäste kommen und gehn
wenn die gedichte den besitzer wechseln
wenn der regen illuminiert
wenn der zeiger mitternacht verlässt
und wir, allein gelassen, nicht wissen wohin.

kein wolf, kein reh
still ruht der schnee
kein du kein ich
du hörst mich nicht
der himmel aber
bittet um eine geschichte auf erden
uns soll sie werden.

komm im flutlicht der sterne
damit wir uns nicht verfehlen
und mach uns satt
mit bildern die warten
der mond steht nicht im wege
und ein engel treibt zur eile.


elisabeth borchers
[aus: eine geschichte auf erden, gedichte - suhrkamp]

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23.12.2010

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das stumme
übersetzt in die schneeesprache,
übersetzt in die windsprache.

wer versteht die spuren zu lesen
am frühen morgen?


max bolliger
[aus: schweigen, vermehrt um den schnee]
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22.12.2010

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foto: marianne rieter

 


mein herz


mein herz ist das lächelnde kleid eines nie erratenen gedankens
mein herz ist die stumme frage eines bogens aus elfenbein
mein herz ist der frische schnee auf der spur junger vögel
mein herz ist die abendstille geste einer atmenden hand


h.c. artmann
[aus: achtundachtzig ausgewählte gedichte]



21.12.2010

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poetry has nothing to do with poetry. poetry is how the air goes green before thunder. is the sound you make when you come, and why you live and how you bleed, and the sound you make or don't make when you die.

gwendolyn macewen
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20.12.2010

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zuständig für liegengebli
ebenes nochmals geboren w
erden und nichts leichter
nehmen zusammengefasst di
e regenstreifen am fenste
rglas breitet sich ein ta
g aus ohne zu fälschen di
e zeit der ungeschlafenen
nacht isoliere ich die st
unden mit meiner stirn an
die scheiben schichtweise
schüchterne gedanken weit
erdenkend stelle ich mich
sachte hinter den vorhang
zwischen sonntage und vor
gestern fällt die wahl mi
t dem regen  wird das red
en zu gold im wind sprich
dies nur leisestens an un
d sieh den fliegenden fis
chen nicht nach es sagt s
ich so leicht abhanden zu
gehen ich schwimme in die
bäume zum höchstpreis ver
kaufe ich heisse steine a
n die regen von morgen sa
ttzutrinken schüttle mich
fensterflügel hingerissen
vom regenmensch im wasser
spiegel wie komme ich nun
über das tote meer hinweg



mara kempter
[aus: hin und zurück, lyrische texte – isele]
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19.12.2010

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enzyklopädie der kleinen dinge textzeilen und klagelied. -einen garten anlegen,- an dem die schiffe landen, eine parkanlage für unbenannte, unbestimmte pflanzen. was würde geschehen, wenn ich dir mein staunen schenken würde, das staunen über die dinge der welt, über alles, was wächst, über alles, was man findet; käfer, gräser, wolken, bäume und ozeane, die luft und ihre vögel, das wasser und seine spiegelung, die zeit und ihre gegenwart, das hören im sehen und die schritte die man geht? wir würden schweigen und einen berg hinaufsteigen, auf seinem rücken dem himmel entgegenbalancieren und denken, der berg sei ein wal und die vögel fische und der regen ein gesang.


marianne büttiker
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18.12.2010

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it takes a lot of time to be a genius,
you have to sit around so much doing nothing, really doing nothing.

gertrude stein
in: everybody's autobiography
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17.12.2010

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dumdidum.


die fallen sind gewürfelt
gedanken sind menschlich
und irren ist frei
alles wird gut
nur mut!


marianne rieter
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15.12.2010

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einheiten


helle räume
brauchte sie

und anlauf
bis zum kopf

in dem er sass
gedanken schlagend

und nur an der wand
zu sehen war

der preis
einer erinnerung

bei jeder lüge
wuchs ihr haar;

bald würde sie
verschwinden.


sabine imhof
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14.12.2010

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an manchen tagen fressen die kleinen die grossen fragen auf. an anderen tagen verschlingen die grossen fragen die kleinen. doch hinterher stellt sich nicht selten heraus, dass die kleinen grosse, die grossen kleine fragen waren.

kurt marti
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13.12.2010

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foto: marianne rieter





schnipsel #146
 

von schönen aussichten und allergischen reaktionen resp. antifaltencrèmetage oder sucht- und andere potentiale :::: aha-erlebnisse der grossen art oder das bild vom roten kleid im weissen schnee :::: harmonische übungen, blaue fenster und ein taxi mit fuchsschwanz :::: die bestätigung von raum und zeit undsoweiter :::: die erstaunliche eigendynamik von verwicklungen and then i go and spoil it all bzw. lola und die detektive :::: freie parkplätze, ein mann, ein hut und die unmöglichkeit eines hellblauen pullovers mit v-auschnitt :::: über den missglückten versuch mit drei bilderrahmen resp. eine verkäuferin und kein logisches denken bzw. ich bin doch nicht zu blöd *-) :::: geplante verspätungen vs verspätete planungen und alles wird gut :::: zweifarbige krähen, grossräumige absperrungen und bewaffnete männer bzw. zwei latte caramel, die häuser im wasser und weitere bilder :::: sai ram ::::
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12.12.2010

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die menschheit ist eine halbverrücktheit,
die von vollständig verrückten gelebt wird.


fernando pessoa

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11.12.2010

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käme doch einer und fragte...

nach dem was und dem wie
und muss-es-so-sein?

käme doch einer
bestünde auf antwort

gäbe acht
auf das was und das wie

wär ich doch einer der täte
was sein muss


ilana shmueli
[aus: zwischen dem jetzt und dem jetzt – rimbaud, gefunden bei lyrikline]

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10.12.2010

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alles in allem


ein windiges spiel
woran ich festhalte
hält mich nicht

bilder
die ich sehe nicht sehe
die mich nicht sehen
durch die ich hindurchgehe

licht
das ich sehe nicht sehe
das mich sieht nicht sieht
durch das ich hindurchgehe

täuscht
helle flächen tragen
weiter als dunkle

schnee trägt
und den weissen
wüstensand
sah ich schon einmal
von oben


doris runge
[aus: trittfeste schatten, gedichte – dva]

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09.12.2010

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animation: monika umba



there's a bluebird in my heart that
wants to get out
but i'm too clever, i only let him out
at night sometimes
when everybody's asleep.
i say, i know that you're there,
so don't be
sad.
then i put him back,
but he's singing a little
in there, i haven't quite let him
die
and we sleep together like
that
with our
secret pact
and it's nice enough to
make a man
weep, but i don't
weep, do
you?


charles bukowski
[auszug aus: bluebird]

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08.12.2010

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mittlere jahre


schon beim frühstück der blick aus dem fenster: zu spät
der morgenstern wieder einmal erloschen
überhaupt das da oben verwirrend

die kinder am tisch ihr plappern und lachen
kaum sind sie weg fällt alles
in seltsamste stille

jetzt ins offene gehn – hinaus und hinweg!
doch vom wünschen bleibt nichts übrig als wünsche
nie einsamer als in diesen stunden

vorm fenster schwankt eine magnolie im wind
das telefon klingelt dann steht es stumm
und die entfernungen wachsen


jörg bernig
[aus: kein thema – anthologie, gedichte – verlag im proberaum 3]

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06.12.2010

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vor augen


jenes spaltbuch voll
imponderabilien
das als palimpsest
diesen unlesbaren text berührt

diese überblendung einer traumsequenz
überschreitung und freisetzung
eines unkodierbaren
rests der nicht aufgeht

im flimmerbildschirmbild oder auf fixpapier
immer entzieht sich
die möglichkeit des verstehens

dir aufgehobenem in deinem verlorenen sommer
verschweigst du für immer
wer du bist


marc hermann
[aus: vom verschwinden bleibt, gedichte – edition isele]



05.12.2010

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das geschriebene kommt wie der wind, es ist nackt, es ist tinte, es ist das geschriebene, und es geht vorüber, wie nichts anderes im leben vorübergeht, nichts weiter, ausser das leben.


marguerite duras
gefunden in durchlesers blog

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04.12.2010

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schweigen,
vermehrt um den schnee,
um den regen,
um die nacht,
um viele tage und wieder nächte.
schweigen,
vermehrt um die nie gesagten worte.


max bolliger
[aus: schweigen, vermehrt um den schnee]
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03.12.2010

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möwen


schaumkronen des windes, geflügelt
ihr hierhier in der mündung nordost

antwort auf die wiederholte
frage des meers: wo ist der strand?

letzter zuruf für taucher und träumer
zwischen boje und windpark gespannter

anker für boote und wolken
die schweben von blau zu blau

magie für bäume im hinterland
die blind vom wasser träumen

gepielt auf dem gras, auf dem dünenkamm
heute die antwort für die, die das meer suchen


birgit kreipe
[aus: die schönheit ein deutliches rauschen, ostseegedichteedition wörtersee, connewitzer verlagsbuchhandlung peter hinke]
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02.12.2010

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eine rose. eine stütze. ein wort.


wer ist schon da um objekt zu sein
wie diese kompakte kleine frau effekt
voll modelliert vom mund bis zu den
wörtern und hat nicht jedes fliegende
kleid seinen helden mit unauffindbarem
grab aber das ist, verzeihung, taktlos!
wie die geschichte von den augen den
verweinten einer schmalen dichterin
und gibt nicht jeder sich selbst und
der welt ein nachbearbeitetes bild
lässt beseitigen oder setzt seine besten
wünsche in die luft wie die flügel dieser
wurmstichigen taube ihr lächeln über
weichgezeichneten büchern buchstaben
an denen die blicke sich halten die
erinnerung ins rechte licht gerückt
das leben gefiltert entstört verwischt.


marianne rieter
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