31.12.2011

it's right now.

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„there's only one instant, and it's right now. and it's eternity."

geniessen wir sie, die durchlässigkeit dieser zeit zwischen heute und morgen,
zwischen hier und jetzt und immer.

fürs neue jahr wünsche ich euch wege, die sich lichten, wenn ihr sie geht,
und immer wieder momente zum innehalten, wahrnehmen und sein.

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30.12.2011

verlaufen: frau bachmann

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ich habe mir eine sicht
geschaffen einen blick herab
auf meine zehen
doch bereits während des ersten streifzugs
beim hinabschauen zittern die knie
dreht sich dieser ganze wahnsinn
treibt im wind wie ein ast im herbst
leergefegt und kahl
weht als stern gen westen
unter den wangen modert der winter.

julietta fix
[poetryletter 115 – fixpoetry]

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29.12.2011

..--

.
wenn nur mit den fingern ich
an der schreibmaschine bin
bessert alles sich ein wenig
denn dann ist ein sinn fast nah
punkt punkt strich strich
fast für mich


ernst jandl
[aus: selbstporträt des schachspielers als trinkende uhr, gedichte - luchterhand]

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28.12.2011

nähe

.
so nah bei dir
so nah
ist mir so warm
als wäre ich
in einem andern land
als hätt ich
grenzen hinter mir gelassen
die ich gar nicht kannte
und hielte rast
auf einer wahrhaft
ungeheuren reise
unterwegs
ins herz der welt.


franz hohler
[aus: vierzig vorbei, gedichte - luchterhand]

.

27.12.2011

freie verse

.
gestern nacht erwachte ich wusste
dass ich mich nun von diesen versen
verabschieden sollte. so geht es immer
nach einigen jahren. sie müssen hinaus
in die welt. es ist nicht möglich, sie
ewig! hier unter dem dach zu behalten.
arme dinger. sie müssen hin in die stadt.
wenige werden später zurückkommen dürfen.
jedoch die meisten treiben sich draussen herum.
wer weiss was aus ihnen noch wird. eh sie
zur ruhe gelangen.


sarah kirsch
[aus: sämtliche gedichte - dva]

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26.12.2011

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sie kommen noch immer durch den aufgebrochenen himmel,
die friedlichen schwingen ausgebreitet, und ihre himmlische
musik schwebt über der ganzen müden welt ...


william shakespeare

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23.12.2011

meine worte ...

.
ungewünschte kinder
meine worte
frieren.

kommt
ich will euch
auf meine warmen
fingerspitzen
setzen
schmetterlinge im winter.


hilde domin

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22.12.2011

wann?

.
wann, meine freundin, wann,
selbst bei den tänzerinnen des feuers,
wann, wann wird die liebe nicht frieren?


juan l. ortiz

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21.12.2011

i like to like.

.
i like to like. to have. this.
which i do have. this.
and therefore. i understand.
that i meant. this.
by this. i mean. that it came.
to being. mine. and so.
do you think. it is. that.
that they have. why certainly.
one would not have thought. it.
it is by this time. that they mentioned.
for them. one another.
in order. to soften. something.
and to begin. there is no known.
to begin. their. adding. intending.
in time. to be. sown. it is.
rather remarkable. that he had planted.
them in squares.
at the corner. of squares.
thank you. for answering.



ich hab das haben mögen. gern. das. was ich
wirklich habe. dies. und das aus diesem grund.
versteh ich. dass ich das. mit diesem. meinte. ich
meine. dass es dazu kam. mein. zu sein. und so.
denkst du nun. es ist. das. was sie haben. warum
darum. man hätt es nicht gedacht. es geschieht

zu dieser zeit. sie erwähnten. statt ihrer. ein an-
der. um. etwas. zu lindern. und zu beginnen.
nicht unklug. zu beginnen. ihren. künftigen.
zufug. gut in der zeit. zu sein. gesät. es ist. ziem-
lich erstaunlich. dass er sie quadratisch. pflanzte.
an der ecke. von plätzen. danke. für antwort.


gertrude stein
[aus: winning his way - wie man seine art gewinnt - ein erzählgedicht über dichtung,
amerikatisch und deutsch übersetzt von ulf stolterfoht - urs engeler editor]


.

20.12.2011

zurückblickend

.
die besseren aussichten
eröffnen sich dadurch dass wir
die sonst keine haben
das offen zu sagen beginnen

die zukunft liegt nicht darin
dass man an sie glaubt
oder nicht an sie glaubt
sondern darin
dass man sie vorbereitet

die vorbereitungen
bestehen nicht darin dass man
nicht mehr zurückblickt
sondern darin
dass man sich zugibt

was man sieht beim zurückblicken
und mit diesem bild vor augen
auch etwas anderes tut
als zurückblicken


erich fried
[aus: gedichte - dtv]

.

19.12.2011

erzählt mir nichts

.
erzählt mir nichts.
meine flimmernden augen
haben die wolken gesehn,
in so vielen pfützen sind
meine schuhe versunken, und
so viele worte verschluckte mein
einsamer mund. was ist die welt:
ein fetzen himmel und wind
im gestrüpp. schon immer fiel
das haar mir steil vom kopf.
von anbeginn reiss ich
die ohren auf. erzählt mir
nichts: meine füsse haben
den boden berührt.


hans-ulrich treichel
[aus: gespräch unter bäumen, gedichte - suhrkamp]

.

18.12.2011

betrittst du den tag ...

.
betrittst du den tag eine bluebox
mit federfüssen und nur
ein kleines halskratzen sagt
du bist sterblich doch sonst

jubiliert das blau
dass du kein ende siehst
in belichteten wänden
aquarien der ferne

mögliche aufwinde oder
liebhaber die in deine
augen springen und dich
sattsam füllen mit schaum

hinter der rundung schnurren
leise die projektoren


karin fellner
[aus: lyrik von jetzt zwei - berlin verlag]

.

16.12.2011

baumschule

.
es ist müssig, unterschiede
zu machen, wo welche sind,

also lass dich umarmen
samt dem baum, an dem du lehnst,

lass uns das wurzeln erlernen,
ein wäldchen sein zu dritt


helwig brunner
gefunden bei fixpoetry

.

15.12.2011

wenn es dir einfällt ...

.
wenn es dir einfällt, mich
zu rufen, könnte ich schon
an einem ort sein,
der seine eigene zeit
hat und keine sehnsucht.
oder ich liege unter
der erde und hab mir mein teil
gedacht.

aber es macht nichts. rufe nur.
hier ist
meine antwort: ich war
bei dir.


stefan reichert
[aus: ach kerl ich krieg dich nicht aus meinem kopf - dtv]

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14.12.2011

ich möchte ...

.
ich möchte einfach bleiben, um die vielen figuren,
aus denen ich bestehe, nicht durcheinanderzubringen.


elias canetti
[aus: die provinz des menschen, aufzeichnungen 1942 - 1972]

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12.12.2011

jetzt ist das grün

.
mein liebster
diesseitiger
engel

bald werde ich
fliegen
bald ist der fisch
mein schatten


doris runge
[aus: du also, gedichte - dva]

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10.12.2011

der sonnenaufgang ...

.
der sonnenaufgang
geht unter
und drüber
ein vogel
schwerhörig
auf seinen flügeln
nebenbei
reihenweise
winterharte
blumen
unter
dessen
überbrücken
die fische
ganze meere


mara kempter
[aus: hin und zurück, lyrische texte - isele]

.

09.12.2011

1 insektengarten

.
1 insektengarten, ich geriet aus der fassung, die treppe
zum gemieteten zimmer war steil, war ohne atem, liesz
die 2 monate meines aufenthalts in der gastwirtschaft
mein zimmer nicht aufräumen, so dasz es zugewachsen mit
blütendonner und schlaf

friederike mayröcker
[gefunden in „blanka beirut – tagebuchstaben 41: schreckenslogik und weisser donner“
von andrea karimé bei fixpoetry
]


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07.12.2011

anders

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es muss nicht alles münden in ein gedicht
und enden im gedicht es muss alles vergehn
weiss die luft vögel schrill und aufgekratzt
als ob sie sich gleich paarten auf dünnen ästen
glitzernd vom frost ein paar stunden schon
nicht mehr nacht und vor den fenstern blüht was
und die milane sähen im fremden land anders aus
auch ich und unter mir die stark verzierte erde


nathalie schmid
[aus: brennpunkte, lyrik aus der schweiz – fixpoetry.verlag]

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05.12.2011

traum nr. 321

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drei elefanten
träumen von der leichtigkeit

zwei eintagsfliegen
erinnern sich an ihre ewigkeit

ich aus furcht
keine spur zu hinterlassen
steh still


marc hermann
[aus: vom verschwinden bleibt, gedichte - isele]



kleiner tipp für alle in der nähe:
lyrik aus winterthur: jolanda fäh und marc hermann
heute abend • 20 uhr • coalmine • turnerstrasse 1 • winterthur
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04.12.2011

ich liess meinen engel lange nicht los

.
ich liess meinen engel lange nicht los,
und er verarmte mir in den armen
und wurde klein, und ich wurde gross:
und auf einmal war ich das erbarmen,
und er eine zitternde bitte bloss.

da hab ich ihm seine himmel gegeben, -
und er liess mir das nahe, daraus er entschwand;
er lernte das schweben, ich lernte das leben,
und wir haben langsam einander erkannt...


rainer maria rilke
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03.12.2011

wenn ich...

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wenn ich gedichte schreibe, dann kann es mir einfallen,
so zu tun, als schriebe nicht ich, sondern die sprache selbst.


inger christensen

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02.12.2011

jetzt

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jetzt mit der kraft
die augen zu schliessen
den toten
stellen sich die bemalten jahre quer
ob des grases
der spuren
blutwarm
vergrünt


wolf steinhardt
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01.12.2011

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neben unserem haus ist das haus der rorers. die rorers wohnen nicht immer dorf, sie wohnen in chur und wohnen nur am wochenende in unserem dorf. das haus der rorers ist grad neben den zugschinas. sie kommen aber nie mit dem zug. sie kommen immer mit dem auto. ihr auto ist braun. das ist ein opel, sagt mein bruder. die rorers können nicht romanisch. wenn ich mir das knie aufschürfe beim velofahren oder beim fussballspielen, bringt mich meine mutter zur fraurorer. sie ist samariter und malt mir mein knie rot an, tut flasters drauf mit bildern oder macht verbans. kusch mora wider und denn luagamer, gell, schätzeli. ich nicke und sie küsst mich auf die backe. ihr brillengestell drückt mir in die stirn. ich streiche mit dem ärmel über die backe. meine mutter bringt ihr dann kirschen aus dem garten.


arno camenisch
[aus: hinter dem bahnhof - engeler]
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28.11.2011

immer wieder...

.
immer wieder
will ich daran glauben
dass es gut kommt
und gut wird
dass es besser kommt
als es gut ist
und besser wird
als es gut wird


hermann josef schmitz
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27.11.2011

von jetzt an.

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von jetzt an werde ich stets
das chaos vorziehen
verschandelte tanzende insekten
gefangen in einer staubigen säule
aus sonnenlicht

stets die schrillen
verzweigungen des wahnsinns vorziehen
die keile in den grund von tag
und nacht treiben

schwefelschein lodert auf
und stürzt
eine kaskade
aus zersplitterten blicken

die vernunft brennt brücken
hinter mir ab – giess bloss öl
in diesen scheiterhaufen!

stets blindlings nach dem greifen
was nicht erreicht werden kann
stets eine ruchlose
möglichkeit vorziehen
die mich das leben
kosten könnte oder
schlimmeres

zum himmel klettern
jubelnd vollendet chaotisch
über eine staubige säule
aus sonnenlicht


ulrikka s. gernes
[aus dem dänischen übersetzt von hanns grössel - gefunden bei lyrikline]

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23.11.2011

stilbruch.

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sprich langsam, schreib schön.
- helwig brunner


die ruhe trügt: es nähert sich
eine ankunft noch vor dem
ersten schnee - vielleicht ist
das ja mit ein grund für alles
sage ich alles nur keine sanft
mütigen gelöbnisse keine
weiteren leerläufe keine
wundverbände mehr

eine katze fällt immer auf
die füsse meinen sie? der
verpflichtungen sind genug!
eigentlich ist es ganz einfach:
ich stecke den kopf in die
schachtel & zähle bis zehn
so oder so reise ich meist
unbemerkt & neben der zeit

derweil die tage im nebel
hängen spitze ich bleistifte
rede laut & deutlich vor mich
hin oder höre mir zu in der
hand zerstreute dichter
worte im auge den teppich
mit lampe die bretter
undsoweiter


marianne rieter

.

21.11.2011

frauen wie ich

.
frauen wie ich
verneinen jegliche beteiligung
am frauenähnlichen herzschmerz

suchen wahrsagerinnen
auf um zu hören
wie man sich am
besten
überlisten kann
mit einem
prinzen im keller.
für vorrat.

frauen wie ich legen keinen wert
auf
sumulation der hoffnung
sie wissen
sich zu helfen
wenn sie in der handtaschen
ihre sehnsucht verliren.

sie rufen an.

falsche nummer.


dragica rajčić
[aus: buch von glück, gedichte - edition 8]

.

19.11.2011

was im leben ...

.
was im leben kommt dem gleich?
ruhig am fenster sitzend beobachte ich,
wie die blätter fallen und die blumen blühen,
während die jahreszeiten kommen und gehen.


hsueh-tou

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17.11.2011

kleines wörterbuch

.
aus wort und zahl
und hunger und mahl
und stein und bein
und mein und dein
mit punkt und strich
und hieb und stich
und komm und geh
und heim und weh
von nord nach süd
bis froh und müd
auch flug und ritt
und dank und bitt
dann such und find
ein schönes kind
aus morgen, rot
bis abend, brot
von berg zu werk
aus fried und streit
und lieb und leid
und leib und seel
dazu ein haus
und aus.


elisabeth borchers
[aus: alles redet, schweigt und ruft, gedichte - suhrkamp]

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16.11.2011

singleauskopplung

.
manchmal die umwege eines landarztes
als wäre diesem land noch zu helfen
wenn du über's wasser hinfort gehst
und postkarten schreibst aus tiefstem herzen
ein ort, der auf keiner gültigen karte auftaucht

manchmal sowas wie die furcht alter menschen
dich zu verlieren wie das gedächtnis
danach nur noch schnee, ohne spur
meine dunkelheit ist voller rechtschreibfehler
ich setze einen notruf ab und lege wert darauf

dich zu meinen, nicht manchmal


herbert hindringer
[aus: nähekurs, gedichte - judith sombray und herbert hindringer - fixpoetry.verlag]

.

15.11.2011

weiterung

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wer soll da noch auftauchen aus der flut,
wenn wir darin untergehen?

noch ein paar fortschritte,
und wir werden weitersehen.

wer soll da unsrer gedenken
mit nachsicht?

das wird sich finden,
wenn es erst soweit ist.

und so fortan
bis auf weiteres

und ohne weiteres
so weiter und so

weiter nichts

keine nachgeborenen
keine nachsicht

nichts weiter


hans magnus enzensberger
[aus: blindenschrift - edition suhrkamp]

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12.11.2011

la scribenta | die schreiberin

.
cu la scribenta
veva piars
il fil
ha ella encuriu el
denter las lingias

cu ella ha
anflau el
veva el
fatg nuv

ed ussa
enquera ella
la spada
als die schreiberin
den faden
verlor
sucht sie ihn
zwischen den zeilen

als sie ihn
fand
war er
verknotet

und nun
sucht sie
das schwert

tresa rüthers-seeli
[aus: sbrinzlas funken scintille, gegenwartslyrik aus graubünden -
pro lyrica, schweizerische lyrische gesellschaft, mevina puorger
]


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11.11.2011

wohl wissend ...

.
wohl wissend
dass er
als angehöriger seiner gattung
halb affe halb engel sei
beschloss sebald
seine beiden hälften
in zukunft
reinlich voneinander zu scheiden
ganz affe über dem nabel
ausschliesslich engel darunter
eine nicht alltägliche zweistöckigkeit
die den am gesäss angebrachten flügelchen
das aussehen von flatternder
zum trocknen aufgehängter
weisser wäsche verliehe


alfred brendel
[aus: kleine teufel - hanser]

.

10.11.2011

wenn ...

.
wenn der versuch, etwas auszudrücken,
besonders schön
scheitert -
entsteht ein gedicht,
sage ich manchmal.

und ich lache bei diesem satz,
der sich unter meinem lachen
verfärbt.

kann es sein, dass unsere worte
auf der einen seite des flusses
leben
und wir
auf der anderen?

aber was für ein leben
leben sie -
wenn nicht
das unsere?

auf meine blindheit bin ich gefasst
sobald ich
die augen öffne.


rainer malkowski
[aus: die gedichte - wallstein]

.

09.11.2011

hätte ich ...

.
hätte ich mich nicht nach
den zum teil bereits nackten
zweigen umgedreht, so würde mir
der anblick des langsam -
goldig zu boden fallenden,
aus üppigem
sommer stammenden blattes
entgangen sein. ich hätte etwas
schönes nicht gesehen und etwas liebes,
beruhigendes und entzückendes,
seelenfestigendes nicht empfunden. schaue öfter
zurück, wenn es dir
dran liegt, dich zu bewahren.
mit gradausschauen ist’s nicht getan.
die sahen nicht alles, die nicht rund um sich sah’n.


robert walser
gefunden bei artisanne


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08.11.2011

sporadisch.

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den raum verlassen
distanz nehmen
kontakt halten
zu dem was man tut
und wie man es tut
und warum und überhaupt
wieder einmal mehr
als den eigenen kleinen                                           horizont sehen



marianne rieter

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06.11.2011

glück.

.

man sollte nicht mehr glück verbrauchen, als man erzeugt.

glen close

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05.11.2011

schnipsel #152

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wattestäbli, eine schraube und die freundliche bitte um unterschreibung :::: 5 alte stühle und ein zimmer mit aussicht oder fantastique! :::: gemäss der verordnung zur veränderung der verordnung bzw. einfacher zu kompaktieren! :::: von stunden und minuten bzw. groovy misterioso oder disturbing you again :::: dein „lächelndes haar“ :::: die geschichte vom haus am see und der verlorenen nacht :::: 2 dünne beine, 1 neues bett + ½ perücke :::: „und aber ja!“ :::: von freundlichkeiten, annäherungen und ausweichmanövern oder nachtigall ick hör dir trapsen! :::: empirische untersuchungen, hellblaue helferlein und nächtliche drehmomente :::: just a perfect day! :::: bling *-)

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04.11.2011

bäume

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ihr gespür
für himmel
ganz ohne
glauben
lassen sie los
ihre bunten seelen
treiben sie bleiben
und warten
und treiben neu


doris runge

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03.11.2011

wenn...

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... wenn ein baum hier wäre
oder ein blatt
oder nur der geruch eines baums
oder die farbe eines blatts
wenn der tau hier wäre
der das blatt nicht freigibt
oder eine nase voll rinde
oder ein tropfen grün
wenn ein baum hier wäre
oder ein blatt ...


konstantin wecker

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02.11.2011

vor einem herbst

.
im herbst soll einer auf mich warten.
er soll so warten, dass ich kommen muss.
in einem gelben alten garten.
kurz vor dem winter. kurz vorm schluss
von allem. in der weile,
die zwischen schnee und regen bleibt.
da suche ich die eine zeile,
die man vielleicht im leben schreibt.


eva strittmatter

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01.11.2011

herbst.

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foto: marianne rieter




die blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den himmeln ferne gärten;
sie fallen mit verneinender gebärde.

und in den nächten fällt die schwere erde
aus allen sternen in die einsamkeit.

wir alle fallen. diese hand da fällt.
und sieh dir andre an: es ist in allen.

und doch ist einer, welcher dieses fallen
unendlich sanft in seinen händen hält.


rainer maria rilke
[aus: das buch der bilder]

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31.10.2011

milchblau

.
die fahnenmasten schlagen
ihr ewig gleiches lied
in den wind, der auf der rückseite
den vögeln ins gefieder fährt
und immerfort
in eine richtung weist:
zur weichsten haut
die auf deinen wangen liegt
und in den händen
leise falten wirft
wie ein fischernetz
aus geschlossenen augen
die wimpern geschmiegt
in den luftzug
der die fliegen fortträgt
in den winter


judith sombray
gefunden bei fixpoetry

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30.10.2011

herbst.

.
herbst sagst du
aber ich sage dir
nicht oktober nicht november
du musst einen neuen kalender erfinden
ein andres alphabet
eine sprache die einhalt gebietet
denn die zeit fällt
fällt ins unabsehbare
und wir fallen mit ihr


rose ausländer

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29.10.2011

lass...

.
lass den wind vorüber wehen.
stell ihm keine fragen.
sein sinn ist nur
der wind zu sein, der weht ...


fernando pessoa

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28.10.2011

älterwerden

.
zögern mitten im satz

nachfragen wenn man glaubt
es verstanden zu haben

es nicht mehr eilig haben
mit dem wissenwollen

einen stein ein glas eine hand
länger festhalten als nötig

den ärmel des gegenüber beim reden berühren
zu spüren man ist noch da

ein buch einen blick eine haut verlieren
und nicht mehr finden wollen

erinnern statt sehnen

den gedanken: das alles ist nach mir noch da
trainieren wie einen muskel

gefühl als wäre jemand im zimmer


ulla hahn
[aus: poesie der lebensalter – reclam]
gefunden bei wildgans

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27.10.2011

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verzweiflung


tief unten in der erde
nagt sie an den wurzeln
langsam aber zielbewusst
bis eines tages
- ich weiss dass er kommt -
sie mich mittendurch genagt hat
und ein teil von mir
rast wie von sinnen
auf und davon
verschwindet durchs küchenfenster

der rest bleibt zurück
und macht den abwasch zuende.


ingibjörg haraldsdóttir
[aus: stechäpfel, gedichte von frauen aus drei jahrtausenden - reclam bibliothek]

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26.10.2011

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im herbst sammelte ich alle meine sorgen und vergrub sie in meinem garten. und als der april wiederkehrte und der frühling kam, die erde zu heiraten, da wuchsen in meinem garten schöne blumen, nicht zu vergleichen mit allen anderen blumen. und meine nachbarn kamen, um sie anzuschauen, und sie sagten zu mir: willst du uns, wenn der herbst wiederkommt, zur saatzeit, nicht auch samen dieser blumen geben, damit wir sie in unseren gärten haben?


khalil gibran
gefunden mit diesem wunderbaren herbstbild bei gabi anna

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25.10.2011

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foto: marianne rieter




aber dann war doch nichts weiter geschehen
als dieses herzaufgehen, sperrangelweit -


elisabeth binder

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24.10.2011

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lied im oktober


alle weiszgelockten
wolken wiegen federnd
an die wiese, kleine
herbstzeitlose lichtet
mildeduftend durch den
tag : irgendwo im blauen
klaren lächelt leise
eine stirn


friederike mayröcker
[aus: gesammelte gedichte - suhrkamp]

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23.10.2011

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die gegenwart ist im verhältnis zur
vergangenheit zukunft ebenso wie die
gegenwart der zukunft gegenüber
vergangenheit ist. darum, wer die
gegenwart kennt, kann auch die
vergangenheit erkennen. wer die
vergangenheit erkennt, vermag
auch die zukunft zu erkennen.


lü buwei
gefunden in der wortgarage

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22.10.2011

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und das alles
ist selbstverständlich -
wie die stille
im kopf einer note.


rainer malkowski

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21.10.2011

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nacht


die lamellen stehen offen.
die stadt wirft lichtgirlanden herein
legt scheinkronen auf
vergoldet den tüll.

das glück wird sichtbar
durch einen spalt.
der atem, der dich anfliegt
zieht uns hindurch.


klaus merz
[aus: die lamellen stehen offen, frühe lyrik 1963-1991, werkausgabe band 1, herausgegeben von markus bundi – haymon]

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18.10.2011

17.10.2011

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i vecchidie alten


li vedo passare
come un sogno
sotti il peso
delle loro primavere
i vecchi
pieni di segreti
nascondono il loro pensiero
sotto le rughe intelligenti
e il silenzio dei loro passi
è un affronto
al fragore confuso
del mondo


wie ein traum
seh ich sie vorüberziehn
unter dem gewicht
ihrer lenze,
die alten
voller rätsel
die gedanken geborgen
hinter klugen falten
und die ruhe ihrer schritte
ein hohn
dem dunklen lärm
dieser welt.
giuseppe godenzi
[aus: sbrinzlas funken scintille, gegenwartslyrik aus graubünden -
pro lyrica, schweizerische lyrische gesellschaft, mevina puorger
]


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15.10.2011

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wenn ich nur schreiben könnte
dann wär es gut
so aber bin ich leer
als hätt ich mich schon
ausgeschrieben

es kann sein
dass ich nun andere brücken
bauen muss
ich brauche eine neue sprache
für mein neues ich

ach - vieles
möcht ich gehen lassen
wohin es will
ich möcht verlieren
was ich nie besass


gabriele nutz
[aus: fiel mir deine seele ins herz, gedichte - k. fischer]

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14.10.2011

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ich schalte, um meine 'bewusstseinsmaschine' in gang zu bringen, auf erinnerungs-
punkte irgendwelcher vergangenheit, bringe dadurch, wenn es gelingt, etwas ganz
intensiv in die mitte meines bewusstseins, wo es lebendig dasteht, zu sehen, zu
hören, zu riechen, zu betasten, in einer eigenbeweglichkeit, die es aus dem zustand
des eingebettetseins in einen erinnerungsablauf befreit. es steht für sich selbst da,
... statisch, und zugleich in einem strahlungskranz von assoziationsmöglichkeiten.

friederike mayröcker

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12.10.2011

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so tritt denn schliesslich alles ein
und es ergibt sich folgerichtigkeit.
wie merkwürdig wäre, träten zwei ereignisse
auf einmal gleichzeitig ein.

rätselfrage: und wenn statt zweier ereignisse
acht seifenblasen einträten?
antwort: dann würden wir uns natürlich hinlegen.

diese antwort war klar und kurz.
ein mensch wurde in papier eingewickelt.
es gibt kein papier. der winter ist da.


daniil charms
[aus: die wanne des archimedes. gedichte – edition korrespondenzen]

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11.10.2011

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es ist wahr, dass es um mitternacht
nun kalt wird in den wäldern des sommers,
aber der mond rundet sich wieder.

es ist wahr, dass um mitternacht
die sterne von zweig zu zweig springen
sehr neugierig
und immer noch auf der suche nach heine.

es ist wahr, dass sich um mitternacht
der himmel überschneidet
vor lauter liebe und vergänglichkeit.

es ist wahr, dass ich gehe, und alles geht mit,
die jungen bäume und auch die alten
und die bänke darunter
die tagsüber so still stehn.

ich gehe und gehe
und verändere die geographie.


elisabeth borchers
[aus: gedichte - suhrkamp]

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10.10.2011

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glück ist selbstgenügsam. es braucht keinen kommentar.
es kann in sich zusammengerollt schlafen wie ein igel.


robert walser

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09.10.2011

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waagrecht senkrecht schräg
fällt heute der regen
zeit dazwischenzufahren
mit einem roten pinselstrich


werner lutz
[aus: die mauern sind unterwegs, gedichte - ammann]

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06.10.2011

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salzbleich


wäre ich eine taube, ich hätte kein gesicht. ein
schnäbelchen nur und zwei punktgrosse augen.
wäre ich eine taube, ich wüsste nichts. bliebe
ein nacktes, ein immernacktes ich. nur in
manchen träumen triebest du mit dem
strandgut an das ufer. läge ein salzblasser
körper zwischen tang und feuerstein.
geschliffenes glas an zehen und scheitel. mit
den klauen kratzte ich diesen umriss nach. ein
halbmond auf deinem gesicht. dann böte ich
gurrend meine gurgel feil.
und rupfte man mir die federn aus, bliebe mir
ein feines knochengerüst zum wandeln
zwischen dachziegeln und lehm. zum picken
mit knöchernem schnabel. zum flügelrasseln
und zum zeichensetzen in feinem waldmulch.
als letztes noch würde ich mir ein
menschengesicht schnitzen, eine stirn, zwei
augen, nase, mund. ich schnitzte mir ein
schiefes lächeln hinein, ein grübchen und
eine, nur eine einzige, ausgefallene wimper.


sünje lewejohann
[poetryletter 203 – fixpoetry]

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05.10.2011

02.10.2011

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und das ungetane, das spuren hinterlässt.
auf einem randstein im gehege. restposten
jeder verwitterung. ohne hintergedanke
oder die blasse, tonlose nachricht darauf.

verlass ist auf felder, die brach liegen.
unser ort unscheinbar. eine digitale wolke
über herbstzeitlosen. immergrün. auf dem
bildschirmblick in die tiefe, der uns eigen ist.

in zeiten der wahrnehmung, in denen das
licht scheint. falschfarben der hände. die
sichtbar machen. hinter drahtlosnetzhäuten
oder den blinden flecken der sonne. wir halten

den regen für die zeichensprache der lebenden.
wir gehen von dingen aus, die haltlos sind, aber
speicherplatz haben. und wir lieben es, bäume
herunter zu laden. in deren zweigen wir spielen.


markus breidenich
gefunden bei fixpoetry

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30.09.2011

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auf augenhöhe


ich denke oft an tischkanten
an tischkanten, die augenhöhe
waren.

an die zeit, als hastig rauchende
menschen an der haltestelle alte leute
waren.

als es mein ziel war, einen mantel
zu besitzen, einen ausgefransten
ohne knöpfe.

an die zeit, in der ich meine kalten
hände in einem muff wärmte, der
rot war und warm.

an die zeit, als ich auf reisen ging
und keiner mich fand. immer mit
warmen händen.


julietta fix

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29.09.2011

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überhöhen sie die grammatik!
fliegen sie aufs alltägliche gespräch!
setzen sie winkelmasz und zirkel aufs
spiel!
stören sie die sprache ein wenig mehr!


friederike mayröcker für ernst jandl
[aus: pick mich auf, mein flügel...]

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28.09.2011

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foto: sandstein




wundertüte.


das rot der alten samtvorhänge im
scheinwerferlicht und vor uns diese
übergrosse mutter vom land handfest
dauergewellt und rund auf der bühne

gloubt dr endo a määrli isst härdöpfu
u louch u louch u i love the ketchup on
your lips aber i wott meh… oh justine!
guarda che luna guarda che mare mit

kurzen schritten offenen armen verzückt
dreht der tanz sich einzig um sich selbst
um diesen einen unwiederbringlichen
moment am mittelpunkt der welt ist es

als nähme er uns mit auf die reise
auf seinem nassgeschwitzten bauch
dieser hellhäutige wal mit hut und
mit herz - vier roti rose für dis tao!



marianne rieter

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27.09.2011

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ende september


zu klaren wassern
will ich gehen

herbstberge
will ich besteigen

ozeane überfliegen

und wilde hunde
streicheln.


franz hohler
[aus: vom richtigen gebrauch der zeit - sammlung luchterhand]

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26.09.2011

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seiltanz


vögel
trennen den himmel
vom land

halten
in atem
die luft


clo duri bezzola
[aus: das gestohlene blau / il blau engulà - pendo]

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25.09.2011

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wir aber hören nur geräusche an den abenden,
die dünner sind als eines jahrhunderts haut.

gregor laschen

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23.09.2011

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ich stelle immer wieder erschrocken fest,
dass ich ein paar dinge vergessen habe zu verdrängen.


dieter hildebrandt

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21.09.2011

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seitdem du fort bist


trotz hochgestellter heizung
sind die räme kalt.
meine topfblumen lassen
die köpfe hängen.
der sommer ist vorbei.
ich müsste meine haare waschen.
und den blinden spiegel putzen.
jeder tag ist eine woche
der abend eine ewigkeit.

ich male deinen namen
in die staubschicht
auf dem schrank.


anne steinwart

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20.09.2011

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an anna blume


oh du, geliebte meiner 27 sinne, ich liebe dir!
du, deiner, dich dir, ich dir, du mir, ---- wir?
das gehört beiläufig nicht hierher!
wer bist du, ungezähltes frauenzimmer, du bist, bist du?
die leute sagen, du wärest.
lass sie sagen, sie wissen nicht, wie der kirchturm steht.
du trägst den hut auf deinen füssen und wanderst auf die hände,
auf den händen wanderst du.
halloh, deine roten kleider, in weisse falten zersägt,
rot liebe ich anna blume, rot liebe ich dir.
du, deiner, dich dir, ich dir, du mir, ----- wir?
das gehört beiläufig in die kalte glut!
anna blume, rote anna blume, wie sagen die leute?
preisfrage:
1. anna blume hat ein vogel,
2. anna blume ist rot.
3. welche farbe hat der vogel?
blau ist die farbe deines gelben haares,
rot ist die farbe deines grünen vogels.
du schlichtes mädchen im alltagskleid,
du liebes grünes tier, ich liebe dir!
du deiner dich dir, ich dir, du mir, ---- wir!
das gehört beiläufig in die ---- glutenkiste.
anna blume, anna, a----n----n----a!
ich träufle deinen namen.
dein name tropft wie weiches rindertalg.
weisst du es anna, weisst du es schon,
man kann dich auch von hinten lesen.
und du, du herrlichste von allen,
du bist von hinten, wie von vorne:
a------n------n------a.
rindertalg träufelt streicheln über meinen rücken.
anna blume,
du tropfes tier,
ich-------liebe-------dir!


kurt schwitters

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19.09.2011

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mein blau, mein herrliches blau,
in dem die pfauen spazieren und
mein blau der fernen,
mein blauer zufall am horizont


ingeborg bachmann

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18.09.2011

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das gedicht bewohnt dich
                                von jeher.

du schreibst es
                    du entleerst es seiner worte

um in ihm das schweigen aufzunehmen.


antoni clapés
aus dem katalanischen von claudia kalász – gefunden bei lyrikline

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17.09.2011

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alle literatur ist ein versuch, das leben wirklich werden zu lassen. wie wir alle wissen, auch wenn wir unwissentlich handeln, ist das leben in seiner unmittelbaren wirklichkeit absolut unwirklich.


fernando pessoa
[aus: das buch der unruhe - ammann]

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16.09.2011

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bis bald, inbus


du brauchst einen schlüssel,
wohin du auch willst,
auf ein schloss wo möglich,
aufs flache land zu einem,
der auf dich wartet
mit dem schlüsselbund.


brigitte struzyk
[aus: alles offen, gedichte, mit illustrationen von elke ehninger und einem vorwort von peter wawerzinek – fixpoetry verlag]

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15.09.2011

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schnipsel #151


california dreaming :::: von herzgeschichten und seelenwärmereien oder zack die bohne und osi umm! :::: nachtschichten, inseln und treppen resp. gehen mit stöcken und taschenlampe oder der zarte regenbogen al lago :::: waiting for the gwafförtermin und der bevorstehende umzug einer gepflegten rose :::: ein horror auf der autobahn vs. die freude am fahren :::: spiritus, santo, amen. :::: von stilbrüchen und authenzitäten resp. jedem das seine :::: brot wie immer, 4 milch, 10 yoghurt, kein butter :::: face to face bzw. rot und blau mit mops oder ein freier tag mit leichtem regen :::: asparagus und schleierkraut oder beobachtungen bei einem cappuccino ohne wasser resp. kleine kinder, weisse tauben, blonde ladies und es ist alles so schön bunt hier :::: von enten, krokodilen und gewehren bzw. streifenfische, sandflöhe und jalapeños :::: let's do it!

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14.09.2011

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ganz bleiben


unter fallenden kastanien
den garten umarmen

durch zeitgeräusch wandern
von stimme zu stimme

herzliche briefe
lieben

sich an allen ecken
wundstossen
und ganz bleiben


rose ausländer
[aus: regenwörter, gedichte - reclam]

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13.09.2011

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vom blau


vom blau, das noch sein auge sucht, trink ich als erster.
aus deiner fußspur trink ich und ich seh:
du rollst mir durch die finger, perle, und du wächst!
du wächst wie alle, die vergessen sind.
du rollst: das schwarze hagelkorn der schwermut
fällt in ein tuch, ganz weiss vom abschiedwinken.


paul celan
[aus: die hand voller stunden und andere gedichte - studio dtv]

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12.09.2011

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chronisch.


konzentrieren wir uns auf wesentlichkeiten:
durchgehend diverse einfindungen -sichten
-gebungen der geschichten sind viele viel
mehr als die summe der einzelnen tage
und im endeffekt als ein sichtliches sein -
wie recht du hast nichts ist gelöscht selbst
wenn es ungeschrieben bleibt heute wie
damals mit milchzähnen lesen schreiben
reden lernen


marianne rieter

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11.09.2011

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was wichtig ist


unerwarteter gesang.

die treue zu bäumen,
die nicht in den himmel wachsen.

alles, was du nicht kannst.

nachsicht und unnachgiebigkeit
im richtigen verhältnis.

schlecht rechnen
in menschendingen.


rainer malkowski
[aus: ein tag für impressionisten und andere gedichte - suhrkamp]

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09.09.2011

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WAS WOLLEN WIR TUN?
ein feld
nebel mitnehmen für morgen,
schiffe auf flaschen ziehn,
unsere
nachbarn sind graue
eminenzen,
in der handhöhle
ein streichholz anzünden.


günter eich
[aus: sämtliche gedichte - suhrkamp]

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08.09.2011

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schrebergärten.


schneewittchen hält hof in den
erdigen rottönen der zinnien
dazwischen löwenzahn standhaft
und stur als wären sie glücklich
leuchten petunien im letzten licht
auch hier verblühen die rosen leise
spielt ein akkordeon die luft ist klar
und tief der sommer blutet aus


marianne rieter

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07.09.2011

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lesen


ich habe alles
liegen gelassen.
mein schatten hinter mir
wandert langsam
von norden nach osten.
meine erinnerung endet
am rande des buches.
langsam neben mir
im glas trocknet
das wasser.
ohne vorwurf vergeht
die zeit.
sie ist eine vollkommende
geschichte ohne
fluchtpunkt
auf den man zugehen könnte,
um etwas zu finden.


karl krolow
[aus: nîchts weiter als leben - suhrkamp]

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05.09.2011

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5. september 1944 bertold brecht, santa monica/kalifornien

plan für den tag: aufstehen 7 uhr. zeitung, radio. kaffee kochen in der kleinen kupferkanne. vormittags arbeit. leichter lunch um zwölf. ruhe mit kriminalroman. nachmittags arbeit oder besuche machen. abendessen 7 uhr. danach gäste. nachts halbe seite shakespeare oder waleys sammlung chinesischer gedichte. radio. kriminalroman.


[aus: das buch der tagebücher, ausgewählt von rainer wieland - piper]

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03.09.2011

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manchmal, da haben wir unser herz verströmt
was wir selbst nicht verstanden, haben wir andern erklärt


nida fazli

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ein augenblick der erde,
ein bei-den-dingen-sein,
morgengut, das sich anbietet
und das man erinnert, im tumult
gefundene bleibe: eine zeit,
die du nach und nach verstandest,
langsame konstruktionen, erd-
kalender. aber ich weiss nicht,
was dann passiert ist, was
passiert ist, meine liebste, wieso
denn, wieso.


milo de angelis
[aus: tema dell’addio - mondadori, milano; aus dem italienischen von leopold federmair]
gefunden bei lyrikline

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01.09.2011

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die durchsichtige germanistin


sie lebt in sätzen als könnte sie alles
sagen ohne dass man sie berührt
ihre durchsichtigkeit
von der ich wünschte ich könnte sie aufbewahren
als foto auf dem wir beide lächeln
während wir in unseren augen eine zukunft sehen
wie manche buddhistische asketen (so heisst es)
eine ganze landschaft
in einer saubohne


marc hermann
[aus: vom verschwinden bleibt, gedichte - isele]

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31.08.2011

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vielleicht sind alle gedanken bis heute um einen herum gedacht worden, der noch darauf wartet, gedacht zu werden. vielleicht hängt alles davon ab, dass dieser gedanke wirklich gedacht wird. vielleicht ist es noch gar nicht sicher, dass er gedacht werden wird.


elias canetti

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30.08.2011

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ausser landes


bücher aus fremden büchereien,
die erstarkten tauben.
käme es auf die orte an,
die wir zu verlassen
im stande sind,
mit ihrem himbeergesträuch,
den tüchern,
die sich schon im winde falten,
sie wechseln still hinter uns,
während wir bleiben
auf den warmen rücken
der gärten, steinern
oder aus sand.


ilse aichinger
[gefunden in wildgans’s weblog]

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29.08.2011

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mondschatten


zunehmender mond im geäst
entzündet die ampel
deines gesichts

legt einen hof
aus schweigen
der rundum schützt
dich unantastbar macht
in der grelle
des tags

im schatten
liegt was uns
ergänzt


eveline hasler
[aus: sätzlinge, gedichte - nagel & kimche]

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28.08.2011

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bei verstand bleiben


sich zurechtfinden - eine frage
der belichtungszeit.
nicht zu lange hinsehen.
die perspektive wechseln.
bei verstand bleiben
durch unsteten blick.


rainer malkowski
[aus: die gedichte - wallstein]

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27.08.2011

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sonett 1


abnett
benett
ernett
anett

danett
esnett
genett
janett

imnett
obnett
dunett

innett
wonett
zunett


ernst jandl
[aus: serienfuss - luchterhand]

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26.08.2011

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am strande


heute sah ich wieder dich am strand
schaum der wellen dir zu füssen trieb
mit dem finger grubst du in den sand
zeichen ein, von denen keines blieb.

ganz versunken warst du in dein spiel
mit der ewigen vergänglichkeit
welle kam und stern und kreis zerfiel
welle ging und du warst neu bereit.

lachend hast du dich zu mir gewandt
ahntest nicht den schmerz, den ich erfuhr
denn die schönste welle zog zum strand
und sie löschte deiner füsse spur.


marie luise kaschnitz

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24.08.2011

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die schwerkraft in meinen
armen laufen räume über d
ächer luftig die drehtüre
n schwingen sich aufwärts
steige ich aus dem abhang
ein steinerner himmel häl
t das wetter still mit de
n anstössen an allen ecke
n die fäden gespannt ohne
sprachgerippe der marione
tten gesetzt den fall auf
den wolken ruhen sich bil
der aus zu halten mein ge
sicht ich vergrabe ins wi
ndtreiben zurück geworfen
auf den tag genau diese n
acht zu durchschlagen ein
tisch hängt die wand hoch
aus gründen die mich in f
rage stellen ich nehme mi
r einen lichtspalt vorweg
vertieft mich gerade noch
aufgefangen zerstreut aus
der hand ich lese den sch
erben vom unglück im glüc
k das ausgeleerte läuft b
is zum tischrand und über
den boden es zieht mir di
e füsse hin zu klingenden
stufen ich baue vier räum
e und schliesse die däche
r bei offenen türen hindu
rchzugehen mit der schwer
kraft in meinen füssen



mara kempter
[aus: hin und zurück, lyrische texte – isele]

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