29.04.2011

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mauerseglerin


sie schreibt sie las etwas u. dass sie sah
wie das beschriebene zugleich zugegen
war hoch in den lüften sogar in berlin
schiessen die mauersegler unvermutet
wie pfeile wieder über dächer hin u. dass
sie neulich nachts nicht viel geschlafen
hat .. ich lese das u. weiss sie sind zurück
nicht einen tag zu früh dass ich noch fühlen
kann wie sie mein schauen ritzen .. es findet
nur in unsern köpfen statt da stürzen sie
u. reissen mit sich fort was ich noch sagen
möchte wie es oft geschieht dass uns ein
mensch zuerst an andere erinnert u. ich sie
nun erst ganz von nahem sehe wie sie im
schwarm schon wieder um die häuser zieht


norbert hummelt
[aus: totentanz, gedichte - sammlung luchterhand]
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28.04.2011

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hausordnung


kein unglück auslassen
und jede geschichte zu ende
erzählen. tücher über die spiegel
hängen; die messer unter
den tisch. die eule trösten und
die fledermaus tranchieren.
nie die wut verlieren, was auch
geschieht. jeden einlassen,
wer auch kommt.


hans-ulrich treichel
[aus: gespräch unter bäumen, gedichte - suhrkamp]
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27.04.2011

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foto: marianne rieter



man wird wieder aus
himmel und erde
bilder machen

und spinnweben alter märchen
auf offene wunden legen.


christian morgenstern
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26.04.2011

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schwierig
in einer menschenmasse
in der stadt oder auf den feldern
einen schmetterling zu fangen
sehr jung sehr lebendig sehr flatternd
schwierig
ihn in der hohlen hand
zu bemerken
wie er deine handfläche und die ansätze deiner finger streichelt
wie er dich gerade sterbend streichelt
schneller gealtert
durch eine nun befleckte hand
weggeflogene pigmente
ein farbloser kadaver

selten
dass sich der schmetterling mit der hand vermählt
dass sich die hand mit dem schmetterling vermählt
dass bei der hochzeit ein bisschen glanz entwischt
selten
dass keiner von beiden stirbt


antony heulin
übersetzt von björn kuhligk - gefunden bei lyrikline
hier im bretonischen original nachzulesen und anzuhören.

22.04.2011

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versprechen


die reise
ein versprechen an mich selbst
ich fülle die segel
mit hoffnung auf eine
wiederkehr
mit der blume
die alles anders macht:
auch mich


eveline hasler
[aus: auf wörtern reisen, gedichte - pendo]
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20.04.2011

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ein prokomes plexblem
ein bemplexes komprox
ein komblemes proplex
ein proplexes komblem
ein komplexes problem


mani matter
[aus: mani matters sudelhefte - benzinger]
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19.04.2011

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ich bin


ich bin das geworfene licht : die wandererin
ich bin der Raum : die welt ist klein
ich bin ein ton : weich und harsch

ich bin das wort aus dem wort : erstrahle
ich bin der schauder : in deinem nacken
die indianerin bin ich : mit einem langen zopf

ich bin die hüterin : des unlösbaren rätsels
ich bin das meer : klage, o klage
ich bin ein strenges gesetz : auf den wegen

ich bin die nesselblüte : unscheinbar scheinbar
einst war ich herrin : über das weisse reich
ich bin aus den wäldern : ich bin ein baum

ich bin die gefährtin : in allen fährnissen
ich bin der schierling : im becher des frevlers
ich bin ein wehen : im palast der zeit

ich bin die schlange : weise lispelnd
ich war auf der heide : beim suchenden dichter
ich bin die falbe stute : fliehend im traum

ich bin ebbe und flut : trotz allen dämmen
ich bin unaufhaltsam : die nachtwolken ziehen
ich bin die katze : was ich fress, steht mir zu


eva cader-benedix
[aus: im frieden deiner linien, gedichte - k. fischer]
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18.04.2011

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schöner


schöner sind die gedichte des glücks.

wie die blüte schöner ist als der stengel
der sie doch treibt
sind schöner die gedichte des glücks.

wie der vogel schöner ist als das ei
wie es schön ist wenn licht wird
ist schöner das glück.

und sind schöner die gedichte
die ich nicht schreiben werde.


hilde domin
[aus: hier, gedichte - fischer]

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17.04.2011

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ich wünschte, alle schwierigen gedichte wären tief.
hupen sie, wenn sie wünschten, alle schwierigen gedichte wären tief.


ben lerner
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16.04.2011

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in blaugrau


ich fühle dich wie
einen kranz von sanften
mandelblüten ich fühle dich wie
eine abendwiese ich fühle dich wie
einen strom
birg nicht die hand vor mir :
ich weisz dich tief und
bis zu deinen wurzeln
deine stimme geht leise
durch meine nacht manchmal verschüttet
sie träume manchmal verweilt sie
in einem lied


friederike mayröcker
[aus: gesammelte gedichte - suhrkamp]
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15.04.2011

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marianne büttiker



桜, sakura. zephir. wer wählt die worte im mensch, diese, die er spricht? die amsel ist ihr lied, dachte ich, und diese verknüpfung, diese tagflügel, über das wasser hin, windgenährt, zerzaust, das helle im licht und dazwischen wolken, die sich über den himmel schieben, so schien es, dachte ich, ein luftzug spielt mit den blättern eines vergangenen jahres, ihr knistern, ihr klicken, als würden sie, als wollten sie, sich ihm, noch einmal, hingeben, ihre geschichte erzählen, ihr dasein bekunden, sie tanzen. und abschied. so schmerzlos, so sanft wiegend im frühlingswind, während die amsel singt, dann warnt, zeternd im geäst des jungrüns verschwindet, eine möwe klagt, am fernen ufer, das ende eines langen winters, den schnee noch im gefieder und sommernah, der mauersegler.


marianne büttiker
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14.04.2011

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von weit


dein herz ist wie die nacht so hell,
ich kann es sehn
- du denkst an mich - es bleiben alle sterne stehn.

und wie der mond von gold dein leib
dahin so schnell
von weit er scheint.


else lasker-schüler
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13.04.2011

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doch
noch finde ich
zeit

     werfe blicke und
     zieh sie an land


mara kempter
[aus: hin und zurück, lyrische texte - isele]
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12.04.2011

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er hat gedichte geschrieben
auch pfirsichfarbene
er hat gedichte geschrieben
mit blauem dunst
hat mit ihnen betrogen
hat mit ihnen geliebt


werner lutz
[aus: kussnester, gedichte – waldgut]
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11.04.2011

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künftiges glück ist wie ein tropisches gestade: es sendet weit über den ozean, der noch dazwischen liegt, seinen lauen erdgeruch herüber, balsamischen duft, von dem man sich berauschen lässt, ohne den horizont nach dem woher zu fragen.


gustave flaubert
gefunden im abyssal
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10.04.2011

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heiterer frühling


ausgelaufene malkästen:
farbiges idyll
vom frühling

ein blumenmarkt entsteht
in der frühen wärme.

aus einem gedicht
fliegt eine weibliche taube.

die luft ist
voller rosa handzettel.

ein begonnenes lied
nimmt kein ende -
alle notenschlüssel
gingen verloren.


karl krolow
[aus: gesammelte gedichte 2 - suhrkamp]
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08.04.2011

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für morgen vielleicht


wenn das licht zerreisst
wo die zeit einbricht
warum nicht

zwischen zwei fragen
einmal den atem
an und aus

halten und haltbar
machen die liebe
als gedicht

dann den eignen schatten fliehn
auf zehenspitzen
ohne du

und alle todesarten
gegeneinander
abwägen

für morgen vielleicht


marc hermann
[aus: vom verschwinden bleibt, gedichte - isele]





marc hermann liest aus seinem gedichtband "vom verschwinden bleibt"
heute abend, 20:00h - atelier a4, ebnaterstrasse 70, 9630 wattwil
mit weiteren beiträgen von moni egger, ina praetorius, rainer stöckli - musik: junia hüppi



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07.04.2011

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ich weiss,
ich weiss und du weisst, wir wussten,
wir wussten nicht, wir
waren ja da und nicht dort,
und zuweilen, wenn
nur das nichts zwischen uns stand, fanden
wir ganz zueinander.


paul celan
[in: soviel gestirne, die man uns hinhält]
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06.04.2011

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immer wenn du zurückkommst


immer wenn du zurückkommst
ist mirs
als sähe ich dich zum erstenmale:

silbern stäubt es aus meiner seele
wie aus den weidenkätzchen
wenn der frühlingswind
sie zum erstenmale berührt

paula ludwig
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05.04.2011

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es gibt schliesslich kein verbot für alte weiber, auf bäume zu klettern.


astrid lindgren
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04.04.2011

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einige liebesobjekte


die sonne.

landsitze in alten
russischen romanen.

alles hilflose.

das starke.

der verlässliche klang
einer stimme.

leichtfüssigkeit.

die nützlichen
illusionen.


rainer malkowski
[aus: die gedichte – wallstein]
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03.04.2011

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es ist doch erstaunlich, was ein einziger sonnenstrahl
mit der seele des menschen machen kann.


fjodor michailowitsch dostojewski
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02.04.2011

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frag mich nicht warum, wozu, aber sei da für mich, einen abend lang oder zwei, drei. führ mich an die seine, wir wollen so lange hineinschauen, bis wir kleine fische geworden sind und uns wieder erkennen.


ingeborg bachmann an paul celan – 24.06.1946
[aus: herzzeit, briefwechsel – suhrkamp]
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01.04.2011

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abend im april


es klopft sanft die mondin
hinter den scheiben
an meinen primeltopf:
ohne sie zu sehen, denk ich an sie
als sei sie auch eine grosse primel,
erstaunt,
einsam,
auf der blauen wiese des himmels.


mailand, 1. april 1931


antonia pozzi
[aus: parole ½ worte, gedichte italienisch ½ deutsch - wallstein]
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