30.06.2011

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... fang an mit gestern: mattgrüne pilze in den kieferwäldern: sag etwas darüber, beschreibe sie, dann wird es ein gedicht werden. jeden tag und einfach, dann wird es nicht wie ein unberührbares objekt in der ferne schweben. schreibe über die kuh, über mrs. spauldings schwere augenlider, über den geruch von vanillearoma in der braunen flasche. denn genau dort fangen die zauberberge an.


sylvia plath
25. juli 1957, smith college/northampton
[aus: das buch der tagebücher, ausgewählt von rainer wieland - piper]

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28.06.2011

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das fenster


die vielen himmel über
sehr flachem land! im ersten
fliegen die elstern, im zweiten

hochfahrende wolken. der dritte
für lerchen. im vierten
sah ich ein flugzeug stehn.

aus dem fünften funkelt der stern.
die toten schmetterlinge auf den dielen.
bevor es zerfällt, verkauft man ein haus.


sarah kirsch
[aus: sämtliche gedichte – dva]

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27.06.2011

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es gibt dich


dein ort ist
wo augen dich ansehen.
wo sich augen treffen
entstehst du.

von einem ruf gehalten,
immer die gleiche stimme,
es scheint nur eine zu geben
mit der alle rufen.

du fielest,
aber du fällst nicht.
augen fangen dich auf.

es gibt dich
weil augen dich wollen,
dich ansehen und sagen
dass es dich gibt.


hilde domin

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26.06.2011

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natürlich


ich, mein herr, bin nicht mehr von demselben namen. ich heisse killalusimeno.
oui, eure majestät: sie sagen so, sie behaupten so. es geschieht mir nichts! es geschieht mir nichts!
- friedrich hölderlin



ich glaube,
er sah nicht dich in dir,
aber du warst es.

sie sehen niemals dich in dir,
aber du bist es.

wir sehen nicht den andern in sich,
aber er ist es.


eva cader-benedix

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25.06.2011

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trotz alledem


mach einen bogen um mich
versteck dich
wenn du mich siehst.
ich stolpere heute
über eigene füsse
stoss mir die knie auf
und steine leg ich mir
selbst in den weg.
wenn du gescheit bist
verschwinde
lass mich in ruh
oder sag mir
dass du mich magst
trotz alledem.


anne steinwart

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24.06.2011

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wenn jemand sucht, dann geschieht es leicht, dass sein geist nur noch das ding sieht, das er sucht - dass er nichts zu finden, nichts in sich einzulassen vermag, weil er immer nur an das gesuchte denkt, weil er ein ziel hat, weil er vom ziel besessen ist. suchen heisst: ein ziel haben. finden aber heisst: frei sein, offenstehen, kein ziel haben.


hermann hesse - siddhartha

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23.06.2011

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flugreise


über den wolken
fällt der mond
eine zitronenscheibe
ins glas
öffnen sich
blusen wie herzen
engelhaar fällt
sternschnuppen sausen
schnell schliessen
einige herren
die augen
haben einen wunsch frei


doris runge
[aus: jagdlied, gedichte - dva]

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21.06.2011

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auf dem rückzug


schliesslich konnte man nicht einmal mehr
leitern an ihn legen.
auch keine kleinen feuer.

augenpaare und streichhölzer
überredeten ihn vergebens.
er war nicht brennbar.

dafür kam es vor,
dass er auf sein zimmer ging
und durchs fenster
verbeugungen austeilte.

unterm bett wartete
ein korb voller handküsse
auf den wink einiger verstorbener.

sie zeigten sich ihm manchmal
in einer wolke.



karl krolow
[aus: unsichtbare hände - suhrkamp]

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20.06.2011

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es ist sonntag
die mädchen kräuseln sich und wolken
ziehen durch die wohnungen -
wir sitzen auf hohen balkonen.
heute lohnt es sich
nicht einzuschlafen
das licht geht langsam über in etwas
bläuliches
das sich still auf die köpfe legt
hier und da fällt einer
zusehends ab
die anderen nehmen sich
zusammen.
diese dunkelheit mitten im grünen
dieses tun und stillsitzen
dieses alles ist
der beweis für etwas anderes


nicolas born


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18.06.2011

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wo du mich pflügst
bleibt die furche.
meine schrift auf dir
ist wie ein zeichen im sand
das jeder nachtwind verweht.


hilde domin


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16.06.2011

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zwänge, wünsche, konjugationen


wir müssen nur wollen
können nur sollen
dürfen nur mögen
wollen nur müssen
sollen nur können
und mögen nur dürfen

wir müssen nur sollen
können nur mögen
dürfen nur müssen
wollen nur können
sollen nur dürfen
und mögen nur wollen

wir müssen nur mögen
können nur müssen
dürfen nur können
wollen nur dürfen
sollen nur wollen
und mögen nur sollen

wir müssen nur können
können nur dürfen
dürfen nur wollen
wollen nur sollen
sollen nur mögen
und mögen nur müssen

wir müssen nur dürfen
können nur wollen
dürfen nur sollen
wollen nur mögen
sollen nur müssen
und mögen nur können

(da-da capo!)


clemens schittko
[aus: da kapo mit cs-gas - fixpoetry verlag]


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15.06.2011

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worte sind wild, frei, unverantwortlich und nicht zu lehren. natürlich kann man sie einfangen, einsortieren und sie in alphabetischer reihenfolge in wörterbücher stecken. aber dort leben sie nicht.


virginia woolf
gefunden bei mona lisa

 
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14.06.2011

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trotzdem kamen wir auf anderen ebenen des wahnsinns gut miteinander aus.


jack kerouac


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13.06.2011

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ich kann maiglöckchen pflücken
während du schläfst
denn ich weiss, wo sie wachsen.
und mein wahres zuhause
mit seinen türen und steinen
bleibe fern,
dass ich es nicht mehr wiederfände,
und durch die wälder
irrte
in alle ewigkeit –
während du schläfst
und die maiglöckchen wachsen
ohne unterlass.


antonia pozzi

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12.06.2011

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je dirai les mots des poèmes
je jouerai les musiques du ciel
je prendrai les rayons du soleil


khaled - aisha

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11.06.2011

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ich bin keine junge frau.


ich bin keine junge frau.
die liebesbäume am rechten flussufer haben ausgeblüht.
der lachsbrech schmeckt nicht.
lasst mich an einem guten ort sterben.

ich bin keine maschine. ich bin nicht wie die kiribauern,
die auf knopfdruck.
eine ist in meiner brust, die verrückt und leise
den mond umrichten könnte oder die sterne,
diese himmellöcher im licht.
die den bären ihren honig nehmen könnte,
die ihr haus umwirft am morgen,
mit zwei handschlägen neu baut,
den tanz in den abgestandenen lüften erkennt.
und eine, die so normal ist wie der dreiblättrige klee.
die gefaltete seiten neu knifft,
gerissene kanten gerade schneidet,
im rausch um pfennige kämpft.

je mehr sich die alter unter der haut treffen,
werden meine mütter ersterer
auf die beine helfen und ihr milch geben.


renate langgemach
gefunden bei fixpoetry


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09.06.2011

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milder abschied


ich gebe dir deine zähne zurück.
ich schreibe ein jäh abfallendes sonett.
ich mache keine schönheit. ich mache einen blick,
eine haltung. ich ziehe
den vorhang zu. es fehlt
an himmelsrichtungen, an adressen.
an waagen und nägeln.
wie schön aufzuhören.


riina katajavuori
gefunden bei electric verses


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08.06.2011

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sieh in das zärtliche licht.
in der bäume zärtliches grün.
horch! die spatzen schrein.
und draussen auf wilderen feldern
singen lerchen.


jakob van hoddis



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05.06.2011

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happy hour, paradise coast.


ůbern růckn des atlantiks
den rand des nachmittags
auf der haut zergehen lassen
am endlosen strand von naples
der lächerlichkeit von fliegenden
männern zusehen filosofieren &
lästern & stöckchen werfen
den parfümierten hunden
den toupierten blondinen mit
sunglasses & so lautlos im tiefflug
eine formation pelikane
lederartiges unter gold &
knalligen shorts im glitzern
der wellen füllen wir uns
die taschen mit muscheln
& sand & blinzeln versonnen
aus der offenen hand



 
den ganzen text gibt es am montagabend in freiburg in breisgau zu hören ;-)
und hier am dienstag im laufe des tages zum nachlesen .
 
 
 
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04.06.2011

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ich zeige nur etwas. ich zeige wirklichkeit, ich zeige etwas an der wirklichkeit, was nicht oder zu wenig gesehen worden ist. ich nehme ihn, der mir zuhört, an der hand und führe ihn zum fenster. ich stosse das fenster auf und zeige hinaus.

martin buber



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03.06.2011

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benediktion


und dasz die schwalbe anker der lüfte
und dasz die ecken an feld und bart
und dasz das punk-federchen fliegender zopf
und dasz das wehende grün von malvenbüschen umsäumt
und dasz die arme gebreitet des baumes
und dasz ins freie der reisesegen uns spriesze
und dasz als schatten geknickt in die länge gezogen
wir die tiefe der landschaft enthüllten


friederike mayröcker



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02.06.2011

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inschriften.


«vielleicht sind wir gerade von einem glück getroffen worden,
von dem wir uns nicht mehr so schnell erholen.»



als fände sich alles
in diesem einen tiefen atemzug
der vergessen lässt und sein
mit der richtigen antwort
mit der offenen tür
in diesem kleinen stück himmel
das bleiben lässt wo und wie
wir sind immer mehr
überhaupt diese flügelblicke
undsoweiter


marianne rieter


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01.06.2011

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das leben ist verrückt! und ich finde das wunderbar.
wer das nicht merkt, verschläft das schönste.

hans bemmann
[in: stein und flöte und das ist noch nicht alles - weitbrecht]


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