31.12.2011

it's right now.

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„there's only one instant, and it's right now. and it's eternity."

geniessen wir sie, die durchlässigkeit dieser zeit zwischen heute und morgen,
zwischen hier und jetzt und immer.

fürs neue jahr wünsche ich euch wege, die sich lichten, wenn ihr sie geht,
und immer wieder momente zum innehalten, wahrnehmen und sein.

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30.12.2011

verlaufen: frau bachmann

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ich habe mir eine sicht
geschaffen einen blick herab
auf meine zehen
doch bereits während des ersten streifzugs
beim hinabschauen zittern die knie
dreht sich dieser ganze wahnsinn
treibt im wind wie ein ast im herbst
leergefegt und kahl
weht als stern gen westen
unter den wangen modert der winter.

julietta fix
[poetryletter 115 – fixpoetry]

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29.12.2011

..--

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wenn nur mit den fingern ich
an der schreibmaschine bin
bessert alles sich ein wenig
denn dann ist ein sinn fast nah
punkt punkt strich strich
fast für mich


ernst jandl
[aus: selbstporträt des schachspielers als trinkende uhr, gedichte - luchterhand]

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28.12.2011

nähe

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so nah bei dir
so nah
ist mir so warm
als wäre ich
in einem andern land
als hätt ich
grenzen hinter mir gelassen
die ich gar nicht kannte
und hielte rast
auf einer wahrhaft
ungeheuren reise
unterwegs
ins herz der welt.


franz hohler
[aus: vierzig vorbei, gedichte - luchterhand]

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27.12.2011

freie verse

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gestern nacht erwachte ich wusste
dass ich mich nun von diesen versen
verabschieden sollte. so geht es immer
nach einigen jahren. sie müssen hinaus
in die welt. es ist nicht möglich, sie
ewig! hier unter dem dach zu behalten.
arme dinger. sie müssen hin in die stadt.
wenige werden später zurückkommen dürfen.
jedoch die meisten treiben sich draussen herum.
wer weiss was aus ihnen noch wird. eh sie
zur ruhe gelangen.


sarah kirsch
[aus: sämtliche gedichte - dva]

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26.12.2011

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sie kommen noch immer durch den aufgebrochenen himmel,
die friedlichen schwingen ausgebreitet, und ihre himmlische
musik schwebt über der ganzen müden welt ...


william shakespeare

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23.12.2011

meine worte ...

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ungewünschte kinder
meine worte
frieren.

kommt
ich will euch
auf meine warmen
fingerspitzen
setzen
schmetterlinge im winter.


hilde domin

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22.12.2011

wann?

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wann, meine freundin, wann,
selbst bei den tänzerinnen des feuers,
wann, wann wird die liebe nicht frieren?


juan l. ortiz

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21.12.2011

i like to like.

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i like to like. to have. this.
which i do have. this.
and therefore. i understand.
that i meant. this.
by this. i mean. that it came.
to being. mine. and so.
do you think. it is. that.
that they have. why certainly.
one would not have thought. it.
it is by this time. that they mentioned.
for them. one another.
in order. to soften. something.
and to begin. there is no known.
to begin. their. adding. intending.
in time. to be. sown. it is.
rather remarkable. that he had planted.
them in squares.
at the corner. of squares.
thank you. for answering.



ich hab das haben mögen. gern. das. was ich
wirklich habe. dies. und das aus diesem grund.
versteh ich. dass ich das. mit diesem. meinte. ich
meine. dass es dazu kam. mein. zu sein. und so.
denkst du nun. es ist. das. was sie haben. warum
darum. man hätt es nicht gedacht. es geschieht

zu dieser zeit. sie erwähnten. statt ihrer. ein an-
der. um. etwas. zu lindern. und zu beginnen.
nicht unklug. zu beginnen. ihren. künftigen.
zufug. gut in der zeit. zu sein. gesät. es ist. ziem-
lich erstaunlich. dass er sie quadratisch. pflanzte.
an der ecke. von plätzen. danke. für antwort.


gertrude stein
[aus: winning his way - wie man seine art gewinnt - ein erzählgedicht über dichtung,
amerikatisch und deutsch übersetzt von ulf stolterfoht - urs engeler editor]


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20.12.2011

zurückblickend

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die besseren aussichten
eröffnen sich dadurch dass wir
die sonst keine haben
das offen zu sagen beginnen

die zukunft liegt nicht darin
dass man an sie glaubt
oder nicht an sie glaubt
sondern darin
dass man sie vorbereitet

die vorbereitungen
bestehen nicht darin dass man
nicht mehr zurückblickt
sondern darin
dass man sich zugibt

was man sieht beim zurückblicken
und mit diesem bild vor augen
auch etwas anderes tut
als zurückblicken


erich fried
[aus: gedichte - dtv]

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19.12.2011

erzählt mir nichts

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erzählt mir nichts.
meine flimmernden augen
haben die wolken gesehn,
in so vielen pfützen sind
meine schuhe versunken, und
so viele worte verschluckte mein
einsamer mund. was ist die welt:
ein fetzen himmel und wind
im gestrüpp. schon immer fiel
das haar mir steil vom kopf.
von anbeginn reiss ich
die ohren auf. erzählt mir
nichts: meine füsse haben
den boden berührt.


hans-ulrich treichel
[aus: gespräch unter bäumen, gedichte - suhrkamp]

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18.12.2011

betrittst du den tag ...

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betrittst du den tag eine bluebox
mit federfüssen und nur
ein kleines halskratzen sagt
du bist sterblich doch sonst

jubiliert das blau
dass du kein ende siehst
in belichteten wänden
aquarien der ferne

mögliche aufwinde oder
liebhaber die in deine
augen springen und dich
sattsam füllen mit schaum

hinter der rundung schnurren
leise die projektoren


karin fellner
[aus: lyrik von jetzt zwei - berlin verlag]

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16.12.2011

baumschule

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es ist müssig, unterschiede
zu machen, wo welche sind,

also lass dich umarmen
samt dem baum, an dem du lehnst,

lass uns das wurzeln erlernen,
ein wäldchen sein zu dritt


helwig brunner
gefunden bei fixpoetry

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15.12.2011

wenn es dir einfällt ...

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wenn es dir einfällt, mich
zu rufen, könnte ich schon
an einem ort sein,
der seine eigene zeit
hat und keine sehnsucht.
oder ich liege unter
der erde und hab mir mein teil
gedacht.

aber es macht nichts. rufe nur.
hier ist
meine antwort: ich war
bei dir.


stefan reichert
[aus: ach kerl ich krieg dich nicht aus meinem kopf - dtv]

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14.12.2011

ich möchte ...

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ich möchte einfach bleiben, um die vielen figuren,
aus denen ich bestehe, nicht durcheinanderzubringen.


elias canetti
[aus: die provinz des menschen, aufzeichnungen 1942 - 1972]

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12.12.2011

jetzt ist das grün

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mein liebster
diesseitiger
engel

bald werde ich
fliegen
bald ist der fisch
mein schatten


doris runge
[aus: du also, gedichte - dva]

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10.12.2011

der sonnenaufgang ...

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der sonnenaufgang
geht unter
und drüber
ein vogel
schwerhörig
auf seinen flügeln
nebenbei
reihenweise
winterharte
blumen
unter
dessen
überbrücken
die fische
ganze meere


mara kempter
[aus: hin und zurück, lyrische texte - isele]

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09.12.2011

1 insektengarten

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1 insektengarten, ich geriet aus der fassung, die treppe
zum gemieteten zimmer war steil, war ohne atem, liesz
die 2 monate meines aufenthalts in der gastwirtschaft
mein zimmer nicht aufräumen, so dasz es zugewachsen mit
blütendonner und schlaf

friederike mayröcker
[gefunden in „blanka beirut – tagebuchstaben 41: schreckenslogik und weisser donner“
von andrea karimé bei fixpoetry
]


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07.12.2011

anders

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es muss nicht alles münden in ein gedicht
und enden im gedicht es muss alles vergehn
weiss die luft vögel schrill und aufgekratzt
als ob sie sich gleich paarten auf dünnen ästen
glitzernd vom frost ein paar stunden schon
nicht mehr nacht und vor den fenstern blüht was
und die milane sähen im fremden land anders aus
auch ich und unter mir die stark verzierte erde


nathalie schmid
[aus: brennpunkte, lyrik aus der schweiz – fixpoetry.verlag]

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05.12.2011

traum nr. 321

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drei elefanten
träumen von der leichtigkeit

zwei eintagsfliegen
erinnern sich an ihre ewigkeit

ich aus furcht
keine spur zu hinterlassen
steh still


marc hermann
[aus: vom verschwinden bleibt, gedichte - isele]



kleiner tipp für alle in der nähe:
lyrik aus winterthur: jolanda fäh und marc hermann
heute abend • 20 uhr • coalmine • turnerstrasse 1 • winterthur
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04.12.2011

ich liess meinen engel lange nicht los

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ich liess meinen engel lange nicht los,
und er verarmte mir in den armen
und wurde klein, und ich wurde gross:
und auf einmal war ich das erbarmen,
und er eine zitternde bitte bloss.

da hab ich ihm seine himmel gegeben, -
und er liess mir das nahe, daraus er entschwand;
er lernte das schweben, ich lernte das leben,
und wir haben langsam einander erkannt...


rainer maria rilke
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03.12.2011

wenn ich...

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wenn ich gedichte schreibe, dann kann es mir einfallen,
so zu tun, als schriebe nicht ich, sondern die sprache selbst.


inger christensen

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02.12.2011

jetzt

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jetzt mit der kraft
die augen zu schliessen
den toten
stellen sich die bemalten jahre quer
ob des grases
der spuren
blutwarm
vergrünt


wolf steinhardt
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01.12.2011

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neben unserem haus ist das haus der rorers. die rorers wohnen nicht immer dorf, sie wohnen in chur und wohnen nur am wochenende in unserem dorf. das haus der rorers ist grad neben den zugschinas. sie kommen aber nie mit dem zug. sie kommen immer mit dem auto. ihr auto ist braun. das ist ein opel, sagt mein bruder. die rorers können nicht romanisch. wenn ich mir das knie aufschürfe beim velofahren oder beim fussballspielen, bringt mich meine mutter zur fraurorer. sie ist samariter und malt mir mein knie rot an, tut flasters drauf mit bildern oder macht verbans. kusch mora wider und denn luagamer, gell, schätzeli. ich nicke und sie küsst mich auf die backe. ihr brillengestell drückt mir in die stirn. ich streiche mit dem ärmel über die backe. meine mutter bringt ihr dann kirschen aus dem garten.


arno camenisch
[aus: hinter dem bahnhof - engeler]
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